40 Jahre John Sinclair – wie Erfinder Jason Dark arbeitet

Foto: Wolfgang Pfensig_pixelio.de

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1973 erschien erstmals ein Heftroman mit Geisterjäger John Sinclair bei Bastei Lübbe. Als 2007 Band 1500 veröffentlicht wurde, hatte ich ein tolles, langes Interview mit Autor Jason Dark, alias Helmut Rellergerd, geführt. Der hieraus entstandene Artikel erscheint hier im Blog noch einmal als Textklassiker, mit ein paar Aktualisierungen.

Gänsehaut-Geschichten am Fließband

Geisterjäger John Sinclair – Autor Helmut Rellergerd schreibt alle Romane selbst

Nicht jeder, der sie hört, weiß, mit wem er es genau zu tun hat. Manche würden Zombies sagen, andere wiederum bezeichnen Sie als Ghouls. Doch sie sind weder das eine, noch das andere, sondern eine Mischung aus beiden. Es sind die Nachzehrer! Und sie schmatzen, würgen, keuchen und stöhnen…

Aus: Die Bande der Nachzehrer. Geisterjäger John Sinclair, Band 355.

Zombies, Ghouls und Nachzehrer. Zwischenwelten, Gruselwesen und das ultimativ Böse. Seit 1973 kämpft Geisterjäger John Sinclair gegen zahllose Schreckgestalten aus erdachten Schreckens-Universen. Jede Woche Dienstag liegt im Zeitschriftenhandel ein neues, auf 65 Seiten Papier gebrachtes Schauer-Abenteuer aus dem Bastei-Verlag. Dieses Jahr feiert die Serie ein großes, rundes Jubiläum: Ausgabe 1500 kommt am 10. April an die Kioske. Nur die Detektiv-Serie Jerry Cotton (derzeit gut 2600 Ausgaben), die Science-Fiction-Serie Perry Rhodan (derzeit gut 2400 Ausgaben) und die Western-Serie Lassiter (derzeit gut 1800 Ausgaben) haben sich länger am Markt der so genannten Trivialliteratur gehalten.

Aktualisierung: inzwischen ist John Sinclair-Band 1808 erschienen. Jerry Cotton: Ausgabe 2907. Perry Rhodan: Ausgabe 2690. Lassiter: 2120. Übrigens: auch „Professor Zamorra“ erscheint noch. Aktuell ist Heft 1011 der Gruselserie am Kiosk. Bastei Lübbe hat dem Titel ein Fresh up verpasst. Hoffentlich kein letzter Versuch vor der Einstellung.

Bemerkenswert ist das runde Jubiläum allerdings aus einem ganz anderen Grund. Denn während die meisten Heftroman-Serien von einem Autoren-Stamm erdacht werden, entstehen die Abenteuer John Sinclairs in der Phantasie eines einzigen Mannes. Jason Dark nennt sich der in Bergisch-Gladbach bei Köln lebende Autor, der jeden Monat aufs Neue vier Romane á 65 Seiten plus ein Taschenbuch á 150 Seiten schreibt. 400 Seiten also, druckreif.

Aktualisierung: die John Sinclair-Taschenbücher wurden 2007 eingestellt.

Helmut Rellergerd heißt dieser Marathon-Schriftsteller mir bürgerlichem Namen, der für die meisten Deutschen allerdings immer noch ein unbeschriebenes Blatt ist. Das ist umso erstaunlicher, da Rellergerd einen Rekord hält: laut Verlagsangaben sind bislang insgesamt gut 275 Millionen Heftromane und Bücher verkauft worden (Karl May hat bislang 200 Millionen Bücher verkauft). Mit Blick auf die Verkaufszahlen ist Helmut Rellergerd der erfolgreichste deutsche Schriftsteller.

In drei Tagen ein Roman

Dass er aber kurioserweise auch eine der wohl unbekanntesten Persönlichkeiten des Landes ist, liegt an Rellergeld selbst: „Ich halte mich lieber im Hintergrund auf“. Dabei hätte er genügend Zeit für öffentliche Auftritte, trotz des immensen Seitenpensums. Möglich macht das seine Arbeitsweise, denn der Tag des Gruselautors ist stark strukturiert. „Ich habe mir eine gewisse Beamtenmentalität angeeignet“, sagt er. Anders sei die Fließbandproduktion nicht zu bewältigen.

Jeden Morgen um halb sieben klingelt der Wecker in seinem Haus mit der Nummer 13. „Die 13 ist aber reiner Zufall“, kommentiert er in seiner so nüchtern-kaltschnäuzigen Art, die irgendwie nicht mit den ausufernden Phantasiewelten seiner Romane zusammenpassen will. Um acht Uhr setzt er sich schließlich in sein „lichtdurchflutetes“ Arbeitszimmer im Dachgeschoss und schreibt fünf bis sechs Stunden „sehr konzentriert“ an seinen Düster-Geschichten. Nach einer kurzen Mittagspause geht es dann noch wenige Stunden weiter, 25-30 Seiten entstehen pro Tag.

„In drei Tagen habe ich einen Roman fertig“, berichtet Rellergerd. „Mir kommen die Ideen während des Schreibens, ich habe dafür wohl ein Talent“, erklärt der Autor seine Fähigkeit, im Akkordtempo druckreife Seiten abzuliefern. Zwar lande auch mal eine Seite im Papierkorb. Aber wenn inhaltlich etwas aus dem Ruder läuft, versuche er es im Erzählfluss wieder hinzubiegen. Die Folgen dieses Vorgehens sind auch bei den Fans der Serie umstritten. Im „Sinclairforum“ im Internet ist den „Problemen der Serie“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Ein „roter Faden“ wird vermisst, „grobe Logikfehler“ moniert, eine zweiwöchentliche Erscheinungweise als Lösung vorgeschlagen. Unkonventionell verläuft auch die längerfristige Planung der Serie: zuerst stehen die Titel fest, dann schreibt Rellergerd den Inhalt drumherum.

Grusel-Spannung statt Gemetzel

Foto: Peter Ochsenkühn_pixelio.de

Der Autor vergleicht seine Arbeitsweise eher mit der eines Regisseurs als mit der eines Schriftstellers. „Wenn ich an meiner Schreibmaschine sitze, dann baut sich vor mir so etwas wie eine Leinwand auf, auf der ich die Personen agieren lasse“. Rellergerd schreibt seine Geschichten auch heute noch auf einer Schreibmaschine, nach jedem dritten Roman muss er das Farbband seiner „Monica-Deluxe“ wechseln. Mit Computern kann er nichts anfangen. „Ich habe es mal versucht, das geht einfach nicht“.

Über die Jahre hinweg hat sich Rellergerd einen komfortablen Vorsprung erschrieben. Im Schnitt ist er gut vier Monate voraus. „Man beschäftigt sich als Schriftsteller ja doch irgendwie immer mit seinen Geschichten“, erzählt er. „Es liegt immer ein Zettel bereit“. Inspiration holt sich Rellergerd während seiner vielen Kurzurlaube, allerdings sei er noch nie in England gewesen, das Land, in dem die Geschichten seines Geisterjägers spielen. „Ich bin außerdem ein Freund des TV, des Infotainment, ich schaue viel Arte oder 3sat“. Informationen, die er dort erhält und die für seine Geschichten einmal von Bedeutung werden könnten, schreibt er auf Registerkärtchen und zückt diese dann je nach Bedarf. So ganz möchte er die Serienplanung dann doch nicht dem Zufall überlassen.

Ein besonders Augenmerk legt Rellergerd eigenen Angaben zufolge darauf, dass es trotz des Gruselmetiers keine blutrünstigen Szenen oder ausufernde Gewalt in seinen Geschichten gibt. Immerhin seien heute gut 55 Prozent der Leser weiblich. Grusel-Spannung statt Gemetzel – wohl eines der Erfolgsgeheimnisse der Serie. Professor Wolfgang Schemme untermauert diese Vermutung. An der Uni Bonn hat er Deutsche Sprache und Literatur gelehrt, in den 80er und 90er Jahren an John Sinclair geforscht und eigenen Angaben zufolge fast alle Sinclair-Abenteuer gelesen: bis ins Jahr 2005 hat Schemme die Serie im Rahmen des Jugendmedienschutzes geprüft. „Kaum ein Heft kam auf den Index“, bilanziert er.

„Jerry Cotton nach England bringen“

Die Geschichte des Geisterjägers John Sinclair begann Ende der 60er Jahre. Im Zauberkreis-Verlag erschien ab 1968 der „Silber-Grusel-Krimi“, er gilt als die erste Heft-Horrorroman-Serie in Deutschland. Autor war der heute in Hanau bei Frankfurt lebende Jürgen Grasmück, der unter dem Pseudonym „Dan Shocker“ auch die Gruselserie „Macabros“ schrieb.

Aktualisierung: Jürgen Grasmück ist 2007 verstorben.

Der Erfolg des Grusel-Krimis und seines Helden Larry Brent ließ Bastei unruhig werden und zwang den Verlag zur Gegenreaktion. 1973 erschien schließlich der erste „Gespenster-Krimi“, gleichzeitig das erste Abenteuer John Sinclairs. Helmut Rellergerd erinnert sich an die Situation damals: „Es hat sich keiner getraut, da haben sie mich gefragt und ich habe es einfach versucht“. Rellergerd war zu dieser Zeit schon als Autor im Bastei-Verlag angestellt und hatte bislang Western-Romane etwa für die Serie „Lassiter“ geschrieben. „Jerry Cotton nach England zu holen“, sei die Devise für die neue Gruselserie gewesen. Die Namensfindung geschah eher zufällig. „Damals lief die Serie ´Die 2´ mit Roger Moore als Bratt Sinclair“, erinnert sich Rellergerd. „Sinclair gefiel mir, ich habe dann John Sinclair draus gemacht“. Rellergerd entschied sich, aus John Sinclair keinen Superhelden zu machen. „Er ärgert sich, wenn es zu warm ist, wenn ich erkältet bin, ist er es auch“. Auch die Größe, 1.90 Meter, und die blonden Haare hat er ihm vermacht.

Die 70er- und die 80er- Jahre sollten sich als goldene Ära des Grusel-Heftromans erweisen. Der „Gespenster-Krimi“, ein Sammelsurium aus Abenteuern mehrerer Helden, wurde ein Erfolg. Besonders John Sinclair war bei den Lesern beliebt. 1974 erschien im Bastei-Verlag schließlich eine neue Gruselserie um den Parapsychologen „Professor Zamorra“. Die Serie erscheint heute noch alle zwei Wochen und ist die älteste deutsche Gruselserie. John Sinclair erhielt 1978 schließlich seine eigene Serie und wurde schnell zum Flagschiff. Bereits 1980 erschien eine zweite Auflage parallel zur ersten, ab 1981 zusätzlich monatlich ein Taschenbuch, 1985 eine dritte Auflage. Zeitweise wurden laut Rellergerd alleine von der ersten Auflage 100.000 Exemplare verkauft. Allerdings brachen ab Ende der 80er Jahre die Auflagen am deutschen Markt der Gruselhefte ein. Viele neue Serien floppten, „Silber-Grusel-Krimi“ und „Gespenster-Krimi“ wurden eingestellt, „Tony Ballard“, einer der wenigen Serien-Erfolge nach John Sinclair, wurde 1990 nacht acht Jahren beendet.

1300 Euro pro Roman

Anfang der 90er Jahre gab es durch die deutsche Wiedervereinigung eine kurze Belebung, die zu einer vierten John Sinclair-Auflage führte. „Ich war gleich nach der Wende drüben“, erzählt Helmut Rellergerd. „Die Reaktionen waren Wahnsinn. Ich hatte viele Leser in der DDR, in Keksrollen sind die Hefte damals rübergeschmuggelt worden“. Doch seit Mitte der 90er Jahre schrumpft die Auflage zusehends. Alle John-Sinclair-Folgeauflagen sind inzwischen eingestellt. Auch eine TV-Version Ende der 90er Jahre floppte. „Da hat ja auch nichts gestimmt, die wollten nur den Kölner Dom in die Luft fliegen lassen“, ärgert sich der Autor heute noch.

Inzwischen kann der Grusel-Markt als bereinigt gelten. Neben John Sinclair und Professor Zamorra erscheinen im Kelter-Verlag noch die extra für Frauen geschriebenen Reihen „Gaslicht“ und „Irrlicht“ regelmäßig. Der Bastei-Verlag nennt keine aktuellen Zahlen, Rellergerd schätzt derzeit 20.000 verkaufte Hefte pro Woche und 10.000 Bücher im Monat. Mit Ausgabe 300 werden im April auch die Bücher eingestellt. „Das war aber meine Entscheidung“, betont Rellergerd. „Ich schreibe parallel an einer neuen Buchreihe, Psycho Cop“.

Aus Verlagskreisen ist zu hören, dass besonders das Internet und andere interaktive Medien für den Auflageneinbruch verantwortlich sind. Der Verlag steuert mit Hörspielen gegen, die zu John Sinclair sind sehr erfolgreich. Die Auflage ist inzwischen siebenstellig, 2002 war „Der Anfang“ als erstes Hörspiel überhaupt in den Top 40 der deutschen Media-Control-Musikcharts.

Richtig reich geworden ist Rellergerd mit seinem Geisterjäger allerdings nur „an Auflage und Leserbrief-Bergen“, rund 150.000 fasst sein Archiv bislang. Der Autor wird pro Roman bezahlt, „1300 Euro je Heft“, wie er in seiner so entwaffnend-direkten Art verrät. Er scheint sich immer noch die Distanz zu seiner Arbeit bewahrt zu haben, an Geister und Teufel glaubt Deutschlands erfolgreichster Gruselautor nicht. So möchte er seinen Helden irgendwann einmal ganz gänsehautfrei sterben lassen: „Er kommt aus einer Kneipe und übersieht einen offenen Gulli.“

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