Hört, hört!

Kopfhörer haben sich zum Trend-Accessoire entwickelt und der Branche in den vergangenen Jahren satte Umsatzschübe ermöglicht. Gefragt sind Zusatzfeatures wie Mikrofon, Geräuschunterdrückung und ein wandelbares Headphone-Styling. Verkauft werden auch teure Kopfhörer immer öfter online.

Von Simon Colin. Erschienen im Musikmarkt am 29. August 2013.

Nachtrag vom 4.9.: Valentin Dushe vom Portal http://www.kopfhoerer.com hat via Facebook auf diesen Artikel verlinkt: https://www.facebook.com/kopfhoerertest?fref=ts. Danke hierfür.

Dre, immer wieder Dre. Wo man auch hinhört und hinliest, wenn es um den Kopfhörer-Boom der vergangenen Jahre geht, fällt der Name des US-Rappers. Mit seinen schick designten „Beats by Dr. Dre“-On Ears hat er Kopfhörer für aufs Ohr wieder salonfähig gemacht, nachdem mit dem beginnenden Smartphone-Boom zunächst eher unauffällige In-Ear-Varianten gefragt waren. Oder gar kein Ohrschmuck, sondern lieber mobile Musik aus ziemlich gruselig klingenden Smartphone-Böxchen.

Inzwischen sind auf dem Ohr Größe und Design entscheidend und die Branche freut sich über satte Umsatzsprünge. 353 Millionen Euro für den Gesamtmarkt schätzt die Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU) für 2013, ein Plus von mehr als fünfzehn Prozent. Und auch der Branchenverband SOMM vermeldet für den Pro-Bereich ein erfreuliches Umsatzplus von bis zu 50 Prozent in 2012 (siehe separater Text auf dieser Doppelseite). Laut Musik Meyer-Produktmanager Thomas Türling, das Unternehmen vertreibt hierzulande den Dre-Kopfhörer-Produzenten Monster, hat insbesondere Monster für die substantielle Belebung des Marktsegments in den vergangenen Jahren gesorgt. Auch „die Selbstverständlichkeit, wie Headphones geradezu als modisches Accessoire von Endverbrauchern als auch von Testimonials getragen werden, ist eindeutig Monster zuzuschreiben.“

Pro Audio-Hersteller sind Innovationstriebfedern

Die Auswahl am Markt ist zunehmend gigantisch. Unzählige On-Ears und In-Ears, mit und ohne Kabel, mit Bluetooth und Mikrofon zum Telefonieren via Smartphone, dazu zahllose Erweiterungen wie etwa spezielle Verstärker wetteifern um Aufmerksamkeit. In Elektronikmärkten finden sich überwiegend günstigere Modelle, zum Beispiel von Philipps und insbesondere von Vivanco, ein deutscher Hersteller aus Ahrensburg. Auch Media Saturn ist mit seinen Eigenmarken Isy und Peaq in den Kopfhörerverkauf für jüngere und preisbewusstere Kunden eingestiegen, schweigt sich aber über die Hersteller aus. Laut einer Unternehmenssprecherin sind aber auch Modelle der höheren Preisklasse beliebt. Man erwartet für den Kopfhörergesamtmarkt weiterhin ein deutliches Wachstum.

Foto: Monster/Musik Meyer

Foto: Monster/Musik Meyer

Innovationstriebfedern sind die Hersteller im professionellen Audio-Segment. Um Trends in einem Markt mit immer mehr Teilnehmern setzen zu können, muss man laut Thomas Türling branchenübergreifend denken und generelle Entwicklungen in Bereichen wie Design, Farbe, Technologie oder Haptik antizipieren können. „Es reicht nicht aus, nur die faktische, technologische Überlegenheit zu positionieren, sondern diese in Symbiose mit einem prägnanten Produktdesign verschmelzen zu lassen.“

Individualisierung ist ein wichtiger Trend im Headphones-Segment. Monster bietet bei seinen „Inspiration“-Modellen etwa auswechselbare Headbands an in einer Vielzahl von Materialien und Farben. Beyerdynamic bietet laut Wolfgang Ernst, Business Unit Manager Pro Audio, im eigenen Online-Shop Manufakturmöglichkeiten zur Individualisierung von einzelnen Hörern. Beim Modell „Custom One Pro“ kann man durch farbige Cover, Ringe, Ohr- und Kopfpolster das Aussehen des Kopfhörers verändern. Für die Produktreihe startet Beyerdynamic zur IFA vom 6. bis 11. September in Berlin den eigenen Angaben zufolge weltweit ersten Crowdsourcing-Contest für Kopfhörer. Im Web kann jeder seine Version des „Custom One Pro“ gestalten und zur Wahl stellen. Der Designer des Gewinnermodells enthält 1000 Euro, Ende des Jahres kommt der Entwurf dann als Special Edition in den Handel.

Trend: Active Noise Cancelling

Shure bezeichnet seinen „SE 846“-In-Ear als Innovation. Zehn hochpräzise gefertigte, rostbeständige Metallplättchen bilden einen mechanischen Tiefpassfilter bei 75 Hertz. Hierdurch wird laut Senior Manager Marketing & Sales Nik Gledic eine bislang nicht erreichte Basswiedergabe ermöglicht, vergleichbar mit einem Subwoofer. Sein im vierten Quartal 2013 erscheinendes Headphone kündigt das junge US-Unternehmen Muzik als ersten intelligenten Kopfhörer mit sozialer Netzwerkeinbindung an. Bedienbar ist er via Touch-Steuerung und soll gerade gehörte Musik auf Facebook oder Twitter teilbar machen.

Der über Crowdfunding entwickelte On Beat-Kopfhörer soll wiederum helfen, den Smartphone-Akku zu schonen. Im Kopfteil des On Ear-Hörers sind Solarzellen integriert, die das Smartphone im Freien kostenlos aufladen. Die Solarzellen sind mit Lithium-Ionen-Batterien verbunden, die sich in den Ohrmuscheln befinden. Über einen USB-Anschluss gelangt der Strom dann ins Smartphone.

Foto: R_K_by_Doatsch_pixelio.de

Foto: R_K_by_Doatsch_pixelio.de

Der aktuell wohl wichtigste Trend ist das so genannte Active Noise Cancelling, die aktive Geräuschunterdrückung. Diese Kopfhörer blenden Umgebungsgeräusche vollkommen aus, was etwa für Vielflieger attraktiv ist. Doch auch für konzentriertes Arbeiten in Großraumbüros taugen die Headphones. Sogar ohne Musik auf dem Ohr können sie Umgebungsgeräusche filtern.

Online-Verkauf nimmt zu

Kontakt zu ihren Kunden und Zielgruppen versuchen die Hersteller auch über namhafte Marken oder musikalische Zugpferde zu knüpfen. Beispiel Sennheiser: mit Adidas besteht eine Kooperation für schweiß- und wasserresistente Kopfhörer. 2012 angelte man sich Bob Sinclair als weltweiten Markenbotschafter für den Amperior-Kopfhörer. Zur Ausstellung „David Bowie is“ in London entwickelte man ein Bundle aus einer Sonderauflage des Kopfhörers Momentum und dem Ausstellungsbuch als Extra. Das Set gab es ausschließlich im Sennheiser-Online-Shop.

Gekauft werden Kopfhörer, auch die hochpreisigen, zunehmend im Internet. Ultrasone, eigenen Angaben zufolge der Hersteller mit der größten Vielfalt an Kopfhörern im Segment über tausend Euro, setzt nur noch sechzig Prozent über den klassischen Fachhandel und via Großvertriebe ab. Allerdings ist das laut Dragana Zirkel aus dem Ultrasone-Management je nach Land unterschiedlich. So geht in den USA achtzig Prozent via Onlinevertrieb, in Hongkong beträgt der Fachhandelsanteil hingegen 95 Prozent. Als negativen Trend bezeichnet Audio Technica-Niederlassungsleiter Jörg Rader die Tendenz hin zum Kauf im Web. „Dort können die Klangeigenschaften und der Tragekomfort an den individuellen Kopfformen nicht eingeschätzt werden. Bei Kauf im Internet kann der Kunde nur optisches Design, technische Daten und Funktionsumfang vergleichen.“

Auf diese Weise finden auch Plagiate den Weg zum Endkunden. Die Branche begegnet dem Problem mit Seriennummern-Lösungen oder Sicherheits-Labeln, über die der Kunde die Echtheit des Produkts prüfen kann. Zum Thema Plagiate, aber auch zu den Perspektiven der Branche äußert sich Sennheiser-Geschäftsführer Hans-Joachim Weymer auf der Folgeseite.

Kopfhörer verkaufen sich immer besser

In den vergangenen Jahren sind Absatz und Umsatz deutlich gestiegen. So wurden in Deutschland laut Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU) 2012 insgesamt gut elf Millionen Kopfhörer abgesetzt. Das sind zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2013 rechnet die GFU mit einem Absatzplus von acht Prozent auf zwölf Millionen Stück. Kräftig stieg auch der Umsatz, 2012 um fast ein Drittel auf 306 Millionen Euro. 2013 werden geschätzt 353 Millionen Euro umgesetzt, ein Plus von mehr als fünfzehn Prozent. „Das Wachstum zeigt, dass die Nutzer mehr Wert auf höherwertige Produkte legen, sie werden anspruchsvoller“, sagt Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der GFU, die auch Veranstalter der IFA ist (6.-11. September in Berlin).

Eine deutlich positive Entwicklung verzeichnet auch der Branchenverband Society of Music Merchants (SOMM). Im aktuellen Jahrbuch der Musikinstrumenten- und Musikequipment-Branche weisen die International Music Industry Statistics (IMIS) detaillierte Umsätze nach Endverbraucherpreisen für das professionelle MI-Segment aus. 32 Unternehmen haben hierfür ihre Daten gemeldet. Demnach lag der Umsatz mit kabelgebundenen Kopfhörern 2012 bei gut 25,5 Millionen Euro, ein sattes Plus von mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 527.000 Euro wurden mit drahtlosen Kopfhörern umgesetzt, ein Plus von fast 50 Prozent. Der Umsatz rund um Zubehör für Mikrofone und Kopfhörer lag 2012 bei knapp 6,8 Millionen Euro, ein Plus von gut zehn Prozent.

Ein Fazit der IMIS-Studie: beim Blick auf die Umsatzentwicklung der unterschiedlichen Warengruppen wird deutlich, wie sehr in den vergangenen Jahren der Bereich Mikrofone und Kopfhörer, die Branche fasst beides in einer Warengruppe zusammen, an Marktrelevanz innerhalb der MI-Branche zugelegt hat und die Umsatzverluste anderer Warengruppen kompensierte. Nach Tasten- und Saiteninstrumenten rangieren Mikrofone und Kopfhörer inzwischen auf Rang drei der MI-Warengruppen.

„In den letzten vier Jahren hat sich der Umsatz mit Kopfhörern alleine im MI-Sektor mehr als verdoppelt“, sagt SOMM-Geschäftsführer Daniel Sebastian Knöll. „Die Umsatzerlöse mit Kopfhörern sind zum Treiber der Musikinstrumenten- und Musikequipment-Branche geworden. Beim Blick in die Zukunft und bei erster Betrachtung der Halbjahreszahlen ist eine leichte Sättigung des Kopfhörermarkts innerhalb der MI-Branche zu erkennen. Jedoch steht erfahrungsgemäß das größte Geschäft noch vor der Türe, so dass Prognosen nur wage sein können. Wir sind aber optimistisch, dass auch in diesem Jahr der Umsatz mit Kopfhörern weiter zunimmt.“

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