Totgesagte verleihen länger

Der Videothekenumsatz ist in den vergangenen Jahren stark eingebrochen. Vom Videotheken-Sterben ist die Rede. Doch noch immer schauen viele Videothekare zuversichtlich nach vorn, auch wenn das Problem Piraterie nicht gelöst ist. Hingegen sehen sie im Video on demand trotz steigender Marktanteile noch keine Bedrohung.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 02. Mai 2014.

Zwischen Zuversicht und Resignation schwankt die Stimmung der deutschen Videothekare. In Gesprächen mit dem Musikmarkt sprühen manche vor Ideen und berichten gar von steigenden Umsätzen. Andere sehen sich mit dem Rücken an der Wand stehend, das Aus im Blick. Piraterie wird genannt als Hauptursache für den Kunden- und Umsatzschwund. Im Stich gelassen fühlen sich einige Videothekare von den Major-Labels, die davon abrücken, Filme zuerst in den Verleih zu bringen und dann in den Verkaufsmarkt.

Beunruhigend wirkt der Blick auf die Marktzahlen. Noch 2009 hatten die stationären Videotheken laut einer Erhebung des Bundesverbands audiovisuelle Medien einen dominierenden Umsatzanteil von 86 Prozent zu verzeichnen. 2013 lag dieser bei nur noch 57 Prozent. Binnen vier Jahren ist also gut ein Drittel des Umsatzanteils am Verleihmarkt weggebrochen. Deutlich zulegen konnte seit 2009 Video on demand: der Umsatzanteil des digitalen Filmabos (SVoD) stieg von null auf elf Prozent, der Einzelabruf (TVoD) von 5 auf 22 Prozent. Der digitale Filmverleih macht also inzwischen ein Drittel des Filmverleih-Umsatzes von insgesamt 312 Millionen Euro in 2013 aus.

Grafik: Bundesverband audiovisuelle Medien.

Grafik: Bundesverband audiovisuelle Medien.

Schaut man ausschließlich auf die stationären Videotheken, ist deren Umsatz seit 2009 um ein Drittel eingebrochen: von 233 Millionen Euro auf 177 Millionen Euro in 2013. Auch die Zahl der Filmausleihen ist um ein Drittel geschrumpft: von 96 Millionen in 2009 auf 67 Millionen in 2013. Stellt man allerdings die Zahl der Ausleihen vor Ort mit der Zahl der Ausleihen im Web gegenüber, dominiert die stationäre Videothek nach wie vor deutlich: so fanden 2012 noch 86 Prozent der Ausleihen in der Videothek statt und nur elf Prozent im Internet. In Sachen Umsatz holen die Onlinevideotheken also deutlich auf, scheinbar aber nicht mit Blick auf die Zahl der Ausleihen. Eine Erklärung hierfür dürfte das unterschiedliche Preisniveau zwischen der Ausleihe im Web und in der Videothek vor Ort sein. Filmausleihen im Web sind nämlich bequem, aber mit bis zu 6 Euro pro Film auch sehr teuer. Die Leigebühr in der stationären Videothek steigt zwar seit Jahren leicht, ist mit durchschnittlich 2,64 Euro aber deutlich günstiger. Den Onlinevideotheken genügen also weniger Ausleihen für mehr Umsatz.

Eine Videothek auf 37.000 Menschen

Im europaweiten Vergleich stehen Deutschlands Videotheken laut Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) noch gut da. Der Verband zitiert Erhebungen der International Video Federation, nachdem deutsche Videotheken 2012 nach Spitzenreiter Großbritannien den zweithöchsten Umsatz in Europa erzielten. Gleichzeitig vollzieht sich der Videothekenrückgang laut IVD nicht so stark wie in den meisten europäischen Märkten. So konnten sich zwischen 2007 und 2012 gut 64 Prozent aller deutschen Videotheken behaupten. In Sachen Videothekendichte belegt Deutschland nach Schweden und Belgien Rang drei. Demnach kam 2012 eine Videothek auf 37.000 Bürger, in Frankreich muss eine Videothek 78.000 Menschen versorgen.

2017 Videotheken gab es laut IVD 2012 hierzulande (2011: 2218). Ein Viertel hiervon (476) entfällt auf Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern (352) und Baden-Württemberg (236). Gerade in den vergangenen zehn Jahren gab es eine starke Bereinigung. Beispielhaft zeigt das etwa die Situation in Hannover: von vormals 40 Videotheken sind noch neun übrig. In Darmstadt versorgt inzwischen nur noch eine Videothek 160.000 Menschen, gut zehn gab es zu Hochzeiten. Diese waren zum Beispiel Ende der Neunziger mit dem startenden Boom der DVD. „Die DVD war ein Plus für unser Geschäft“, sagt rückblickend Uwe Peter, der in Kiel drei Videotheken betreibt. Hinzugewonnen habe man auch viele ausländische Kunden, weil nun plötzlich mehrere Tonspuren abrufbar waren.

Doch die DVD wurde schnell nicht nur zum Liebling, sondern auch zum Alptraum der Videothekare. „Ich erinnere mich, dass plötzlich junge Menschen zu mir kamen, die im Geschäft geprotzt haben, dass sie die neuesten Filme schon längst gesehen haben“, sagt Günter Frantzen, Inhaber von vier City Video-Filialen im Landkreis Osnabrück. „Da wurde mir schnell klar, dass sie das nicht legal gemacht haben konnten. Diese vormals besten Kunden sind dann alle weggeblieben, damit hatten wir sehr stark zu kämpfen.“ Inzwischen kämen sie allerdings vereinzelt wieder zurück. „Sie erzählen dann ganz offen, dass sie durch die Filmindustrie abgemahnt wurden und künftig auch nicht mehr illegal Filme schauen würden.“

Problem Piraterie

Piraterie wird von fast allen Videothekaren übereinstimmend als Hauptgrund für die schrumpfenden Umsätze der Videotheken verantwortlich gemacht. „Allerdings sind diese Kunden nicht nur für die stationären Videotheken, sondern auch für die Onlinevideotheken verloren“, sagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer im IVD, in dem gut 80 Prozent aller stationären Videothekare organisiert sind. „Diese Menschen haben überhaupt keinen legalen Konsum mehr“, vermutet Jörg Weinrich, der mit seinem Verband nach wie vor die Politik für das Thema Urheberrechtsschutz zu sensibilisieren versucht.

Movie Star Video Center-Filiale in Winterhude. Foto: Movie Star Video Center.

Movie Star Video Center-Filiale in Winterhude. Foto: Movie Star Video Center.

Die Jederzeit-Verfügbarkeit filmischer Inhalte im Web wirkt sich besonders gravierend auf einen der vormals stärksten Umsatzpfeiler der stationären Videotheken aus: Pornos. Die Videothekare haben hier mit Umsatzeinbrüchen im Verleih von nicht selten 80 bis 90 Prozent zu kämpfen. „Der Hardcore-Bereich ist total zusammengebrochen, aber auch Spiele“, sagt Arivert Masuhr, der in Hamburg und Norddeutschland acht „Movie Star Video Center“ betreibt. Zugleich schaut er zuversichtlich nach vorn. „Wir haben ein tolles Produkt“, sagt er. Insbesondere mit dem Verkauf gebrauchter Filme hat er sich eine zusätzliche Einnahmequelle erschlossen. Den Begriff Videothek möchte er dann auch gar nicht mehr so gerne benutzen, „wir handeln mit Filmen“, definiert er.

Eine große Chance für Videothekare sieht er im fairen Umgang mit den Kunden. Mahngebühren werden in seinen Video Centers bei neun Euro gedeckelt. Kinderfilme verleiht er kostenlos, auch angesichts der Konkurrenz aus Bibliotheken, in denen das Usus ist. Kaufen Kunden bei ihm einen gebrauchten Film und möchten ihn dann wieder zurückgeben, kauft Arivert Masuhr ihnen diesen auch wieder ab. „Unseren Kunden sollten wir es einfach machen.“

„Wir müssen uns umstellen“

„Wir müssen uns umstellen“, sagt auch Uwe Peter. „Videotheken, die nur verleihen, werden es nicht überstehen.“ Auch er verkauft in seinen Kieler Filialen Filme, außerdem Musik-CDs, gebraucht wie neu. 50 Prozent seines Umsatzes macht der Verkaufsanteil inzwischen aus. 1300 Quadratmeter hat seine größte Filiale, in der er Filme thematisch nach Gerne oder Filmemacher präsentiert. Andere Videothekare holen sich inzwischen sogar branchenfremde Einsatzquellen in das Geschäft: etwa eine Lotto-Annahmestelle oder gar eine Reinigung. Einen mit 80 Prozent noch starken Verleihanteil verzeichnet Olaf Ernsting in seiner Videoboxx in Bremen. „Ich bin sehr zufrieden, die vergangenen Monate waren besser als im Vorjahr“, sagt er. Das stark zunehmende Video on demand betrachtet er nicht als Konkurrenz. „Die Qualität ist nicht gut, außerdem ist es teuer, und wir sind meist noch aktueller“, listet er auf.

Tomin-Geschäftsführer Ulrich Born in seiner Darmstädter Videothek. Foto: Simon Colin.

Tomin-Geschäftsführer Ulrich Born in seiner Darmstädter Videothek. Foto: Simon Colin.

Cinemania-Betreiber David Riedel aus Berlin beobachtet, dass auch VoD-Kunden noch in die stationäre Videothek kommen. „Im Dschungel des Internet finden sie sich nicht zurecht und möchten beraten werden“, sagt er. In seiner Videothek verzeichnet er sogar ein Umsatzplus. „Ich höre von vielen Kunden, dass es ihnen wichtig ist, kleinere Videotheken zu unterstützen“. Die Möglichkeiten zum Stöbern nehmen auch die Kunden in den Tomin-Videotheken von Ulrich Born wahr. Sechs Filialen betreibt er im Raum Frankfurt. „Viele wissen gar nicht, was sie gucken möchten, sie lassen sich bei uns inspirieren“, sagt er. Auch er ist zufrieden mit seiner Geschäftsentwicklung, allerdings musste er viele seiner vormals 21 Videotheken schließen. Seiner Einschätzung nach haben es Videotheken gerade in Regionen mit stark ausgebauten Netzen schwer, da schnelle Breitbandverbindungen illegale Downloads begünstigten. Der Raum Frankfurt gehöre dazu.

Verleih-Fenster gibt es kaum mehr

Doch nicht nur die Piraterie macht es den Videothekaren schwer, auch die Marketing- und Vertriebspolitik mancher Home Entertainment-Label. Immer seltener werden so genannte Fenster: mehrere Wochen vor dem Verkaufsstart im Handel profitierten die Videotheken von dem Verleihgeschäft mit neuen Blockbustern. Dieses Modell wird kaum mehr praktiziert, 20th Century Fox erzürnte die Videothekare gar mit Minusfenstern: Filme, die erst in den Verkauf gehen und dann als Verleihversion an die Videotheken. Insbesondere 20th Century Fox Home Entertainment und Warner Home Video scheinen ihren Ruf bei vielen Videothekaren stark beschädigt zu haben. „Warner Home Video war mal absoluter Branchenprimus, spitzen Programm, faire Preise“, sagt Olaf Ernsting. Dies habe sich stark geändert. „Man braucht uns scheinbar für das Medium nicht mehr“, vermutet Günter Frantzen.

Auf Musikmarkt-Anfragen reagieren weder Warner noch Fox, die immer öfter auch bei Presseanfragen schweigen. Eine schnelle Reaktion kommt hingegen von Sony Pictures Home Entertainment. „Der stationäre Videoverleih war, ist und bleibt eine feste Säule in der Vermarktungsstrategie von Sony Pictures Home Entertainment“, sagt Sales Director Frank Führer. „Wo immer Fenster realisierbar sind, werden wir diese unseren Partnern auch bieten.“ Sollte kein Fenster möglich sein, bedeute dies nicht, dass der Leihkunde nicht mehr ausleihe. Fenster sind insbesondere bei Filmen gebräuchlich, die nicht im Kino laufen, also gleich für den Videomarkt produziert werden. Außerdem bei Genres wie Action. David Riedel aus Berlin erlebt, dass sich manche Labels aber nicht an ihre Verleihfenster-Absprachen halten. Die Filme gehen dann später an die Videotheken. Die Konsequenz: die Videothekare haben entsprechende Mengen vorbestellt in dem Vertrauen, ein Exklusivfenster zu haben. Schlimmstenfalls bleiben sie dann auf ihren Filmen sitzen.

„Leihen ist clever“

Mit seinen 31 Jahren ist David Riedel ein verhältnismäßig junger Videothekenbetreiber. Deswegen macht er sich auch keine Illusionen, was die Vorlieben der jungen Medienkonsumenten angeht. „Sie sind einfach gewohnt, online zu gehen“, sagt David Riedel. „Außerdem fehlt vielen die Zeit, sich in der Videothek einen Film auszuleihen.“ Per Facebook oder auch Skype versucht er mit der jungen Zielgruppe in Kontakt zu treten, allerdings sei dies noch etwas schwierig.

Cinemania-Videothek Berlin. Foto: David Riedel.

Cinemania-Videothek Berlin. Foto: David Riedel.

Branchenweit gibt es Versuche, Bestandskunden zu halten und neue Kunden zu gewinnen. Seit 2011 fährt der IVD die Mailingaktion „Leihen ist clever“. Kunden, die mehr als sechs Monate nicht mehr in einer Videothek waren, werden kontaktiert. „Ein Viertel der angeschriebenen Kunden kam daraufhin wieder in die Videothek“, bilanziert Jörg Weinrich. Im Mai startet der nächste Aktionszyklus. Überarbeitet wird aktuell die branchenweit genutzte Seite die-videotheken.de, ein Videothekenfinder. Arivert Masuhr hat die Videotheken-App „vion/now“ entwickelt. Sie enthält eine Filmdatenbank mit 60.000 Titeln, eine individuell pflegbare Übersicht an Titeln aus der bevorzugten Videothek oder auch einen Videothekenfinder. Sie läuft auf Android- und Apple-Geräten.

Jörg Weinrich ist davon überzeugt, dass der Verleih auch künftig das Hauptgeschäft der Videothekare bleibt. Uwe Peter rät zur Spezialisierung, etwa auf Arthouse. „Wer weiter in sein Geschäft und seine Kunden investiert, dem bleibt auch der Erfolg“, ist Arivert Masuhr sicher. Günter Frantzen hat im Landkreis Osnabrück jüngst sogar ein neues Geschäft eröffnet. „Ich hoffe, dass wir die Talsohle erreicht haben und es jetzt nur noch in kleinen Schritten runter geht. Sonst geht es nämlich nicht mehr lange gut.“

Weitere Informationen:

www.cinemania-videothek.de

www.city-videotheken.de

www.die-videotheken.de

www.filmpeter.de

www.tomin-video.de

www.ivd-online.de

www.vcmovie.de

www.videoboxxhb.de.tl

www.vionnow.de

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