„Die Loveparade war ein Feiertag der elektronischen Musik“

Der Berliner DJ Dr. Motte ist der Erfinder der Loveparade. Im Juli vor 25 Jahren zog die Parade erstmals durch Berlin. Im Gespräch mit dem Musikmarkt erinnert sich Dr. Motte an die Anfänge der Loveparade, an die Jahre des Mega-Hypes und an die Schlussphase rund um das Unglück in Duisburg. Das Gespräch führte Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 27. Juni.

Insbesondere die Neunziger müssen für Sie als Loveparade-Organisator wie ein permanenter Rauschzustand gewesen sein. Immer größer, immer gigantischer wurde die Loveparade. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen 1999 in Berlin gefeiert haben. Gibt es eine Loveparade oder einen Moment im Zusammenhang mit der Loveparade, der Ihnen besonders nachhaltig in Erinnerung ist?

Dr. Motte: Wir waren alle so mit der Organisation und der Sicherheit beschäftigt, da bekommst du am Tag der Parade gar nicht so viel mit. Ich denke immer wieder gerne an die allererste Parade zurück, denn das war für uns alle etwas sehr Besonders. Noch nie zuvor hatte ich eine Gänsehaut, die fünf Stunden andauerte.

Dr. Motte. Foto: YvesBorgwardt.

Dr. Motte. Foto: Yves Borgwardt.

Wie erklären Sie sich, dass es der Loveparade gelungen ist, über Jahre hinweg viele Hunderttausende zu mobilisieren?

Dr. Motte: Die Loveparade war ja nicht einfach nur eine weitere von vielen Veranstaltungen. Wir haben mit unserer Musik damals für unsere Ideale demonstriert. Nonverbal. Was nicht heißen soll, dass wir deshalb nicht wussten, dass es Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten gibt. Deshalb auch das Motto: Friede, Freude, Eierkuchen. Die Loveparade war Teil einer neuen elektronischen Musikkultur. Mit der Entwicklung dieser Kultur, wir nennen es Techno als Überbegriff, kam diese Musik auch in Deutschland an. Eine Demonstration, im Sinne von „wir zeigen (demonstrieren) euch, wie wir leben“, als Parade in Berlin.

Reisen wir einmal zurück in die Zeit Ende der Achtziger. In Berlin waren sie bereits erfolgreich als DJ aktiv. Wie kam es zu der Idee, mit ein paar Wagen und lauten elektronischen Beats durch Berlin zu ziehen?

Dr. Motte: Freunde von mir kamen aus England zurück und erzählten mir von den Underground-Parties in Manchester oder Sheffield. Sie erzählten, wie die Polizei die Veranstaltungen beendete und die Musikanlagen konfiszierte. Die Besucher tanzten dann einfach spontan zur Musik aus einem Ghettoblaster auf der Straße weiter. Dieses Bild hat für mich das ganze Lebensgefühl und den Zeitgeist der elektronischen Musik ausgedrückt. You can’t stop us! Es hat mich tief beeindruckt und zum Nachdenken gebracht, wie bekommt man das nach Berlin? Im Mai 1989 kam mir dann vor einem kleinen Club in Berlin Kreuzberg „die Erleuchtung“ und alle Anwesenden waren sofort von meiner Idee begeistert: eine Demonstration zur Darstellung der Gegenwartskultur der elektronischen Tanzmusik.

„Für Frieden, Abrüstung, Freude, Musik als neues Mittel der Verständigung und Eierkuchen für die gerechte Nahrungsmittelverteilung“: das war das Motto, unter dem Sie die erste Loveparade als Demo angemeldet hatten. Auch in den Folgejahren war die Loveparade offiziell eine Demo. Mit welchem Selbstverständnis hatten Sie die Loveparade in den Anfangsjahren organisiert und veranstaltet?

Dr. Motte: Wir waren frech. Im Grundgesetz ist das Demonstrationsrecht verankert. Laut Artikel 8 Absatz 1 haben alle Deutschen das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis, friedlich und ohne Waffen unter freiem Himmel zu versammeln. Darauf haben wir uns berufen. Ich sehe das so: Alles, was in der Öffentlichkeit passiert, ist Teil der Kultur aller Bürger und damit auch automatisch politisch. Ob ich nun zu Musik tanze oder mich mit Freunden auf Plätzen treffe.

Dr. Motte. Foto: Daniela Eger.

Dr. Motte. Foto: Daniela Eger.

Die Loveparade ist auch ein Sinnbild für den Mega-Hype um die Technobewegung in den Neunzigern. Entsprechend wurde die Parade auch ein großes Medienereignis. Viele dritte Programme der ARD, RTL 2 und auch Musiksender hatten live von der Veranstaltung berichtet. Auch in den Charts war die Loveparade erfolgreich mit den jährlichen Hymnen von Ihnen und Westbam. Wie erinnern Sie sich an die zunehmende Bedeutung der Loveparade für die Medien-, Marketing- und Werbewirtschaft und wie sind Sie damit umgegangen?

Dr. Motte: Die Loveparade war damals durch das jährliche Stattfinden in Berlin eine Art Feiertag der elektronischen Musik. Alle haben immer wieder darüber berichtet. Die Loveparade war in den Medien allgegenwärtig. Sie war laut und damit die beste Werbung für Technokultur weltweit. Sie hat in Berlin zu D-Mark-Zeiten zu Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe geführt, das war für alle gut. Die Clubs, Veranstalter, DJs, aber auch für die Stadt Berlin selbst, die zum einen reichlich Steuereinnahmen hatte, zum anderen eine großartige und preiswerte Image-Kampagne. Es war eine Win-Win-Situation für alle!

In einem Eilverfahren hatte das Bundesverfassungsgericht 2001 entschieden, dass die Loveparade keine politische Demonstration ist. Eine Konsequenz hieraus: fortan mussten Sie als Organisator für die Reinigung nach dem Event aufkommen. Sie hatten das Urteil damals akzeptiert. Welche weitergehenden Auswirkungen hatte das Urteil auf die Loveparade, der verstärkt vorgeworfen wurde, zu kommerziell zu werden?

Dr. Motte: Um die Reinigungskosten ging es gar nicht. Es ging um Inhalte. Wir hatten von Loveparade-Hassern in Berlin unseren Termin weggenommen bekommen. Plötzlich gab es zwei Termine für Demos auf der Straße des 17. Juni, am traditionellen zweiten Juliwochenende. Der damalige Berliner Innensenator Eckhardt Wertebach (CDU) sprach nicht mit uns. Monatelang gab es keine Ansage. Wir haben dann falsche Überlegungen angestellt, auf unser Recht geklagt, bis nach Karlsruhe, und verloren. Grund? Nach Ansicht des Gerichts keine Inhalte: Es wurde nur gefeiert und nach dem engen Demonstrationsbegriff keine Flugblätter verteilt oder über Ideale und Forderungen diskutiert. Wir hatten ganz schnell unsere Rücklagen aufgebraucht und konnten 2004 die Loveparade aus Kostengründen nicht mehr veranstalten. Hätten wir nicht geklagt und nur in den Medien um Hilfe gerufen und gesagt, Berlin lässt uns nicht unsere Loveparade veranstalten, wäre der öffentliche Druck auf die Stadt sehr stark gewesen. Wer weiß, wo wir dann heute ständen.

2003 fand die Loveparade zum vorletzten Mal in Berlin statt, dann gab es eine Pause von zwei Jahren. Mit welchen Problemen hatten Sie in dieser Zeit zu kämpfen und wie sind Sie Ihnen begegnet?

Dr. Motte: Das war eine Katastrophe für alle elektronischen Musik- und Loveparade-Liebhaber. Sehr viele sind mit der Loveparade aufgewachsen, als etwas Selbstverständliches wie Ostern oder Weihnachten. Nun sollte das alles vorbei sein? Undenkbar. Zusätzlich hat uns unser damaliger Geschäftsführer der Loveparade Berlin GmbH (Loveparade-Vermarkter, Anmerkung der Redaktion), Fabian Lenz, im Stich gelassen. Auch waren die Kosten durch die „Planetkom“ (Loveparade-Veranstalter, Anmerkung der Redaktion) explodiert. Plötzlich standen wir vor einer möglichen Insolvenz. Ich suchte mit Hilfe des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft einen neuen Geschäftsführer. Alle Vorschläge wurden aber von den anderen Gesellschaftern abgelehnt. Ein Fehler war es auch, die Loveparade Berlin GmbH als Markenlizenzgesellschaft aufzustellen. Denn es wurden nur Rechte gehandelt. Zum Beispiel an Low Spirit als Loveparade-Compilation-Vermarkter oder Planetkom als technischer Umsetzer. Für Inhalte wurde kein Geld ausgegeben.

Nach der Insolvenz der Planetkom veranstaltete Rainer Schaller, Betreiber der Fitnesskette Mc Fit, die Loveparade ab 2006 überwiegend an wechselnden Orten im Ruhrgebiet. Sie hatten sich damals aus der Loveparade zurückgezogen. Das Unglück 2010 in Duisburg mit mehreren Toten bedeutete dann das Ende der Parade. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Dr. Motte: Mein Ziel war es immer gewesen, die Loveparade zu erhalten.Diese Entstellung der Parade, als Werbeveranstaltung für eine Billigfitnesskette, machte mich sehr traurig. Ich fühlte die elektronische Musikkultur im höchsten Maße für Profiinteressen missbraucht. Die weltweit bekannteste Kulturmarke der elektronischen Musik abgerutscht ins inkompetente, provinzielle Massenbesäufnis. Mit aller Macht musste die Loveparade 2010 in Duisburg stattfinden. In der Überlegung, das Ruhrgebiet als Austragungsort für die Parade auszuwählen, kam ich immer zu dem Schluss, dass dort keinerlei Erfahrungswerte für eine Großveranstaltung dieser Art vorlagen. Mir tun die Familien so leid, die ihre Angehörigen bei der Massenpanik verloren haben, und die vielen tausend Menschen, die die Tragödie überlebt haben. Ich hoffe sehr, dass von allen beteiligten Verantwortlichen, inklusive der Staatsanwaltschaft Duisburg, alles dafür getan wird, um den Betroffenen zu ihrem Recht zu verhelfen und das Unglück lückenlos aufzuklären. Bislang haben sich alle verantwortlichen Politiker gekonnt aus der Affäre gezogen. Inzwischen hat Herr Schaller übrigens sein Vermögen in eine Holding transferiert.

Sie sind nach wie vor sehr aktiv. Mit Ihrem Label „PRAXXIZ“, aber auch als DJ. „Dr. Motte On ACID“ heißt ihre aktuelle Clubtour, 2015 planen Sie eine Jubiläumstour „30 Years Of Dr. Motte“. Was haben Sie sich für die kommenden Jahre vorgenommen?

Dr. Motte: Ich habe noch so viele Ideen und es liegt noch so viel vor uns. Ich liebe es, kreativ zu sein. Ich werde zu meiner Tour nächstes Jahr auch endlich ein neues Album veröffentlichen. Wir werden unser „PRAXXIZ“-Team weiter aufbauen, um weitere Ideen umsetzen zu können. Wir werden auch weiterhin eigene coole Veranstaltungen machen, wie zum Beispiel „Dr. Mottes Birthday Celebration“, die dieses Jahr am 12.07. im Suicide Circus Berlin stattfindet. Denn was wäre schon ein Sommer in Berlin ohne ein Dr. Motte-Event am zweiten Juliwochenende? Ich möchte in der „PRAXXIZ“ auch immer einen Freiraum für Begegnungen jeder Form der Kunst anbieten, aus dem Neues, mit dem Bewusstsein der Wurzeln, entstehen kann. Denn das hängt nun mal voneinander ab. Ich setze mich auch für einen fairen und gerechten Umgang mit Urhebern ein und bin deshalb Mitgründer der fairen GEMA-Alternative C3S (www.c3s.cc). So, und jetzt setzen wir uns alle den grünen Hut auf und spinnen mal so richtig herum. Wer weiß, was noch alles kommen wird. Vielen Dank für das Interview.

Weitere Informationen:

www.drmotte.de

www.praxxiz.de

www.praxxizbooking.com

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