Ja wo spielt denn die Musik?

Pop, Rock, Rap oder Klassik läuft im Fernsehen zwar oft nicht zur Prime Time, dafür haben sich gerade im Senderverbund von ARD und ZDF zahlreiche Formate etablieren können. Mit Sendern wie Deluxe Music und Go TV erlebt das klassische Musikfernsehen eine Renaissance.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 8. Mai 2015.

„Pop around the Clock“ nennt 3sat sein El Dorado für Fans von Live-Gigs. Seit 2002 bringt der Sender immer am 1. Mai und am 31. Dezember 24 Stunden lang Konzertmitschnitte nonstop. Auch kürzlich lief am Maifeiertag wieder das Marathon-Format, darunter Konzerte, die erst wenige Monate zuvor auf DVD und Blu Ray erschienen sind. Die XXL-Sendung ist ein Erfolg für 3sat mit einem Marktanteil von bis zu 2,5 Prozent über den gesamten Tag.

Logo der 3sat-Sendung

Logo der 3sat-Sendung „pop around the clock“. Foto: ZDF/GF-Design.

In den Sommermonaten zeigt 3sat seit 1997 zudem den Festspielsommer, der ab diesem Jahr Festivalsommer heißt. Zur Prime Time laufen dort Mitschnitte und Berichte über Festivals wie Wacken, Hurricane, das Rheingau Musikfestival oder die Salzburger Festspiele. 3sat profitiert hier als Gemeinschaftssender von den Zulieferungen der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Vielversprechende Formate

So prominent wie ab und zu auf 3sat ist Musik aber nur ausnahmsweise im TV zu sehen, wenn man mal Formate wie die ultimative Chartshow oder das Musikantenstadl ausklammert. Zwar gibt es zahlreiche Sendungen rund um Musik im Programm der Sender, diese werden aber gerne in den späteren Abendstunden, früh morgens oder nachts gesendet. Dazu zählen auch manche der vielversprechenden Musikformate, die sich in den vergangenen Jahren auf den Spartenkanälen von ARD und ZDF entwickelt haben, insbesondere auf Eins Festival und Eins Plus.

Allerdings ist nun sogar vorerst komplett Schluss mit den Sendungen. Auf Eins Plus laufen seit Jahresbeginn nur noch Wiederholungen. Grund: nachdem die Ministerpräsidenten der Länder im Oktober 2014 beschlossen hatten, dass das junge Programm von ARD und ZDF künftig ausschließlich online verbreitet werden soll, „war klar, dass Eins Plus als linearer Kanal eingestellt wird“, wie Richard Klug vom SWR sagt, zuständig dort für Eins Plus und digitale Projekte. „Die einzigen neuen Aktivitäten dieses Jahr im Musikbereich werden die Festivals Rock am Ring, Southside und New York Pop Festival sein. Sendungen wie Beatzz und My Hometown werden nicht mehr produziert. Musik-Angebote im Online-Bereich sind erst in der Entwicklung.“

Festivals laufen durchaus auch mal zur Primetime. Wie Wacken auf 3sat.  Foto: ZDF/Dirk Illing.

Festivals laufen durchaus auch mal zur Primetime. Wie Wacken auf 3sat. Foto: ZDF/Dirk Illing.

Eine große Fangemeinde hat die auf Arte laufende Sendung „Tracks“, die seit achtzehn Jahren produziert wird und laut Senderangaben das inzwischen älteste europäische Magazin für Popkultur ist. Tracks wird im wöchentlichen Wechsel in Paris, Berlin und München produziert, wobei laut Marie-Anne Iacono aus der Kulturredaktion die meisten Folgen aktuell aus Frankreich kommen. „Die Redaktion in München arbeitet im Auftrag des BR. Die Redaktion in Berlin im Auftrag des ZDF. In jeder Stadt arbeitet ein mehrköpfiges Team aus Redakteuren, Social Media-Experten, Community-Betreuern, Kameraleuten und Cuttern daran, Tag für Tag neue Inhalte für die Sendung und unsere Plattform im Netz zu kreieren.“

Extra Sender für Schlagerfans

Für Schlagerfans hat sich mit dem Deutschen Musik Fernsehen inzwischen sogar ein eigener Sender etabliert, der unter anderem über Satellit und im digitalen Kabel zu empfangen ist und sich über Werbeformate finanziert, weswegen auch Teleshopping auf dem Sender läuft. Zielgruppe des Senders sind laut Programmchef Michael Jaufmann Menschen mit einem Altersschnitt um Mitte vierzig. Das Deutsche Musik Fernsehen bezeichnet sich als größter privater TV-Sender für deutschsprachige Musik.

Foto: Deutsches Musik Fernsehen.

Zu den erfolgreichsten Formaten zählt die interaktive Sendung „Gruß und Kuss“, die werktags ab 18 Uhr läuft und deren Laufzeit auf 90 Minuten erhöht wurde. Der Sender arbeitet mit den großen Schlagerlabels Ariola, Electrola und Telamo und sieht Kooperationschancen auch in den Genres Oldies, Pop und Rock. „Inzwischen haben TV-Sendungen in unserer Primetime dazu geführt, dass Alben wie die von den Amigos, Fantasy, den Calimeros, Anna-Maria Zimmermann oder Renate und Werner Leismann die Charts erobern“, sagt Michael Jaufmann. „Jede Woche erzeugen wir interessante Bewegungen in den Trend-Charts, die direkt auf unsere Ausstrahlungen zurückzuführen sind.“

Renaissance des klassischen Musikfernsehens

Trotz aller Unkenrufe und der Kritik an MTV und Viva über die seit Jahren vollzogene Reduzierung des Musikvideo-Anteils erlebt das Musikfernsehen im deutschsprachigen Raum eine Renaissance. Als einer der legitimen Nachfolger von MTV und Viva im klassischen Sinn darf Deluxe Music gelten. Dort gibt es seit ein paar Monaten sogar wieder einen Moderatoren-Typus, den man für fast schon ausgestorben hielt: den des Hosts oder VJs. Der Landshuter Sender konnte Jennifer Rostock-Frontfrau Jennifer Weist gewinnen, die die Neuheiten-Sendung „Update Deluxe“ moderiert. „Ja, wir bauen die Gesichter auf Deluxe Music gerade etwas aus“, sagt Ulrike Przysucha, die das Musikgeschäft des Mutterunternehmens High View leitet und zuvor bei der MTV- und Viva-Mutter Viacom in unterschiedlichen Führungspositionen tätig war. „Unser Ende 2014 gestartetes Format Update Deluxe mit Host Jennifer Weist läuft sehr gut“, sagt sie.

Seit April läuft gemeinsam mit dem Webvideo-Produzenten Studio 71 zudem eine Kooperation, in deren Rahmen bekannte You tuber ihre Lieblingsvideos vorstellen. Ranking-Sendungen sollen die Zuschauer künftig noch stärker an Deluxe Music binden. Hauptzielgruppe sind die 20-49-Jährigen und hier insbesondere die 30-39-jährigen Männer. In Spitzen erreicht der Sender inzwischen mehr als eine Million Zuschauer am Tag. Frei empfangbar ist er über Satellit, zudem im digitalen Kabel und etwa über das Entertain-Programm der Telekom. Zum Senderverbund gehören auch die Pay-TV-Musik-Kanäle Rck.TV und Jukebox, die unter anderem im Programm von Sky zu finden sind.

Lotsen im Angebots-Dschungel

In Österreich sitzt Go TV, ein weiterer reiner Musikvideosender, der über Satellit unverschlüsselt auch nach Deutschland strahlt. Auch dort baut man nach wie vor auf Hosts und lässt Stars im einstündigen Format „Hosted by“ ihre Lieblingsvideos anmoderieren. Der Sender ist aktuell noch stark in seinem Heimatland verwurzelt, was unter anderem die gesendeten Werbeclips zeigen und die bestehenden Kooperationen. Doch auch mit Autoherstellern und weiteren internationalen Unternehmen gibt es Partnerschaften: so können Zuschauer Tickets für ausgesuchte Konzerte und Festivals gewinnen. Go TV legt auch inhaltlich einen Schwerpunkt auf die österreichische Musikszene und zeigt Videos von nationalen Künstlern, auch wenn größtenteils internationale Titel laufen.

Wie schwierig dennoch das Feld insbesondere für Musikvideo-Sender ist, zeigen mehrere Insolvenzen aus den vergangenen Jahren. So musste „IM 1“ vor gut einem Jahr Konkurs anmelden und auch Deluxe Music hatte es 2012 erwischt, bevor das Unternehmen High View einsprang. Im Verbund gehört der Sender nun zur Just Music Fernsehbetriebs GmbH. Laut Ulrike Przysucha habe sich der Sender im letzten Jahr sehr gut entwickelt, nun möchte man die Bekanntheit noch weiter ausbauen. „Deluxe Music ist der einzige echte Musiksender im deutschen Free-TV“, sagt sie und positioniert sich damit auch klar im Kontrast zu MTV und Viva. Die Sender haben sich inzwischen zu Entertainment-Marken verändert (siehe Interview auf der Folgeseite). Auf MTV laufen noch etwa in der Hälfte des Tages Musikvideos, Viva sendet diese nur noch zwischen 6 und zirka 12 Uhr, also genau dann, wenn junge Menschen in der Schule sind.

Wie die inzwischen meisten anderen Sender auch verfolgt Deluxe Music einen Rundum-Ansatz, möchte seine Zielgruppen also nicht nur via TV, sondern auch über alle übrigen Bildschirme im Bereich Web und Mobile erreichen. Zugleich verspricht man sich etwas davon, eine Art Lotse im Angebots-Dschungel zu sein. Ulrike Przysucha: „Wir nutzen die Gelegenheit, die gigantische Vielfalt dieser Welt abzubilden und eine sorgfältig kuratierte Auswahl der Highlights herauszufiltern und unseren Zuschauern vorzustellen. Deluxe Music bietet seinen Zuschauern Orientierung in Zeiten multioptionaler Orientierungslosigkeit.“

Mehr Informationen:

www.3sat.de

www.deluxemusic.tv

www.einsplus.de

www.deutsches-musik-fernsehen.de

www.gotv.at

www.justmusic.tv

www.tracks.arte.tv

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