Spaß in vollen Hallen

Comedians erreichen mit ihren Live-Shows nach wie vor ein Massenpublikum, auch wenn der anteilige Umsatz am Veranstaltungsmarkt rückläufig ist. Derweil putzt sich das Kabarett etwas glamouröser heraus.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 5. Juni 2015.

Mit Comedy ist es ein bisschen wie mit Fußball. Bis in den Juni hinein tourt die Bundesliga der Spaßmacher durch die größten Arenen des Landes, bevor es dann bis etwa September in die Sommerpause geht. Dann ist wieder Anpfiff für die nächste Saison, Comedy-Tickets gibt es allerdings teilweise schon gut zwei Jahre im Voraus. Zweifelsfrei: Live-Comedy ist nach wie vor gefragt und gehört zum Freizeitverhalten vieler Menschen wie der Besuch eines Konzerts oder eben eines Fußballspiels.

Ein fester Kulturzweig ist Live-Comedy nach Einschätzung von Töne Stallmeyer, MTS-Geschäftsführer und langjähriger Manager von Atze Schröder. Für Undercover-Chef Michael Schacke ist Live-Comedy einer der Hauptgewinner im Live Entertainment-Markt, der eine bemerkenswerte Entwicklung genommen habe. „Live-Comedy ist heute ein wichtiger und stabiler Umsatzfaktor, den nicht zu bearbeiten ein regionaler Veranstalter sich heutzutage nicht mehr leisten wird. Der regelmäßige Besuch von Live-Comedy-Veranstaltungen ist für viele Menschen ein fester Bestandteil ihrer Freizeitgestaltung.“

Comedy im Minus, Atze Schröder mit Rekord-Tour

Allerdings gibt es zumindest Tendenzen, dass der Markt für Live-Comedy wieder rückläufig ist. Die GfK-Studie „Live-Entertainment in Deutschland“ des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft und Musikmarkt zum Veranstaltungsmarkt 2013 kommt zu dem Ergebnis, dass der Umsatzanteil der Comedy an den Nicht-Musikveranstaltungen schrumpft. 2011 wurde mit 18 Prozent ein Peak erreicht, der Anteil sank 2012 auf 17 Prozent und 2013 auf 15 Prozent. Bei einem Gesamtvolumen von 1,118 Milliarden Euro macht das 165 Umsatzmillionen im Jahr 2013 für die Live-Comedy (minus sechs Prozent im Vergleich zu 2012). Allerdings rangiert sie weiterhin konstant auf Rang zwei der Nicht-Musikveranstaltungen, nach dem Bereich  „Theater, Schauspiel, Lesungen“ mit 40 Prozent und vor dem Bereich Zirkus mit 10 Prozent. Politisches Kabarett kommt auf acht Prozent Umsatzanteil und konnte 2013 im Vergleich zu 2012 um fünf Prozent auf 92 Millionen Euro Umsatz zulegen.

Marek Fis. Foto: S2 Management

Marek Fis. Foto: S2 Management

Trotz leichtem Umsatzminus also für Comedy sind die großen Hallen nach wie vor voll mit den Stars der Branche. Atze Schröder beispielsweise tourt weiterhin in Hallen vor bis zu 13.000 Besuchern, mehr als 200.000 Menschen haben seine aktuelle Tour „Richtig fremdgehen“ bislang gesehen, diese läuft noch bis 2016. „Sie ist die erfolgreichste Tour von Atze und das nach fast 15 Jahren im Geschäft“, sagt Töne Stallmeyer. In welcher Relation das etwa zu Mario Barth steht, lässt sich nicht sagen, da Tourveranstalter S-Promotion auf Musikmarkt-Anfragen nicht reagiert, ebenso wie das Management von Bülent Ceylan. Michael Mittermeiers Management gibt aus Zeitgründen keine Auskunft.

Etablierter Umsatzbringer für Hallenbetreiber

Für die Hallenbetreiber ist Live-Comedy inzwischen ein etablierter Umsatzbringer.  „Live-Comedy-Veranstaltungen haben mittlerweile einen hohen Stellenwert“, sagt Corinna Plagemann, Projekt-Managerin Veranstaltungskoordination in der Grugahalle Essen. „Sie nehmen im Sektor Live-Entertainment-Veranstaltungen (Musik, Show, Comedy) pro Jahr mittlerweile zirka 30 bis 40 Prozent ein. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich die Anzahl an Veranstaltungen verdoppelt.“

Auch in der O2 World Hamburg haben Comedy-Events einen hohen Stellenwert, wie Kai Müller sagt, Senior Event Manager und Program Coordinator. „Pro Jahr sind es zirka vier bis sechs Comedians, die unser Haus in den verschiedenen Varianten spielen: Full House-Sold out wie Mario Barth oder Atze Schröder, aber auch die Half House/ Theater-Variante wie Michael Mittermeier oder Dieter Nuhr. Das Thema Live-Comedy begann mit Mario Barth im Dezember 2007 und hat sich wunderbar entwickelt.“

200 Euro für ein Premium-Ticket

Mit Blick auf die Tickets haben sich die Eintrittspreise im Schnitt bei unter dreißig Euro eingependelt. Einen Durchschnittspreis von 26,66 Euro nennt die GfK-Studie für 2013. Zum Vergleich: ein Ticket für politisches Kabarett kostet im Schnitt 22,26 Euro, der Eintritt in ein deutschsprachiges Rock- oder Pop-Konzert im Mittel 33,88 Euro. „Subjektiv betrachtet darf Comedy zwischen 15 und 30 Euro pro Ticket alles, darüber hinaus wird es dem Besucher gegenüber schwer vermittelbar“, sagt Michael Schacke. „Comedy in Verbindung mit Information, wie es sie zum Beispiel im Bereich Koch-Show oder Hundeerziehung gibt, darf allerdings auch gerne mal etwas mehr kosten.“

Rüdiger Hoffmann. Foto: S2 Management.

Rüdiger Hoffmann. Foto: S2 Management.

So werden Karten für Martin Rütters „Nachsitzen“-Tournee ab 34 Euro verkauft und auch alle übrigen Großen der Branche taxieren ihre Tickets aktuell meist zwischen 35 und knapp 40 Euro. Es geht allerdings durchaus auch dreistellig bei der Buchung von Special-Tickets über Eventim oder Ticketmaster. 188 Euro kostet ein Premium-Package zu Bülent Ceylan. Darin unter anderem: Catering im VIP-Bereich, freie Getränke, separater Eingang und Parkplatz direkt am Arenagelände. Ähnliche Packages gibt es auch zu den übrigen Comedy-Größen.

Auf Tour mit der Kabarett-Bundesliga

Im Schatten jener Spaßmacher mit Popstar-Status wie Mario Barth oder Bülent Ceylan konnten sich in den vergangenen Jahren auch Nachwuchskünstler nach oben arbeiten. Zu ihnen zählen Luke Mockridge oder auch Marek Fis. Blickt man auf ihre Tourpläne, wird deutlich, wie wichtig die kleineren Locations wie Stadthallen oder Clubs nach wie vor sind, die den Comedian-Mittelbau nach oben tragen. Gerade auf den kleineren Bühnen ist auch das Kabarett immer noch zu Hause, der etwas reifere Papa der Comedy. Dieter Nuhr oder Urban Priol zählen hier zu den Großen, auch wenn gerade Nuhr zeigt, wie schwimmend die Grenzen zur Comedy sind.

Sicherlich auch befördert durch die populäre heute-Show scheint das Kabarett in den vergangenen Jahren an Glamour und Show-Appeal gewonnen zu haben. Das zeigt zum Beispiel der Erfolg von Monika Gruber, deren aktuelle Tour restlos ausverkauft ist. Mit der „Kabarett-Bundesliga“ wurde 2009 ein bundesweites Competition-Format eingeführt, das im aktuellen Durchgang seit Oktober 2014 und noch bis Ende Juni mit mehr als 90 Terminen durch deutsche Spielstätten tourt. Jeweils eineinhalb Stunden lang messen sich hier insgesamt vierzehn Nachwuchskünstler. „Entdecke deinen Star“ ist das Motto, unter dem das Publikum zum Mit-Voten animiert werden soll. Während der Abschlussveranstaltung bei den Berliner Wühlmäusen wird dann der deutsche Kabarettmeister gekürt. Neben Kabarettisten nehmen bei dem Wettbewerb auch Comedians, Poetry Slammer und Musiker teil. Ein Beleg dafür, wie sich die unterschiedlichen Stile der wortreichen Live-Unterhaltung mehr und mehr vermischen.

Örtliche Veranstalter erweitern Aktionsradius

Geht es um Solo-Tourneen, planen viele Managements gemeinsam mit ihren Künstlern und kümmern sich auch um das Booking. Ohne regionale Partner geht hierbei nichts. Zu diesen Veranstaltern zählt Undercover. „Für uns ist das Spannende, dass im Live-Comedy-Bereich etwas anders gearbeitet wird, als im Bereich Live-Musikveranstaltungen“, beobachtet Michael Schacke. „Als örtlicher Veranstalter werden unsere Dienste von vielen Comedians nicht nur für die Ausrichtung der jeweiligen Auftritte in unserer Kernregion in Anspruch genommen, wie es bei Musikkonzerten üblich ist, sondern für die Ausrichtung gleich mehrerer Veranstaltungen auch im überregionalen Zusammenhang.“ So habe sich der Undercover-Aktionsradius erheblich vergrößert. Die Firma mit Sitz in Braunschweig agiere inzwischen bis nach Schwerin und Flensburg.

Insbesondere um die Stars der Comedy-Szene haben sich Fan-Kulturen gebildet, an die sich das längst umfassende Merchandising richtet. Barth, Ceylan, Mittermeier oder Schröder haben eigene Merchandising-Shops im Web, deren Produkte sich an den aktuellen Tourprogrammen anlehnen. Auf anderen Seiten bündeln Managements die Merchandising-Artikel ihrer Künstler, etwa S2-Management mit der Seite kultig-shop.de. Hier finden sich Shirts, Taschen, CDs und DVDs zu Rüdiger Hoffmann, Maddin Schneider oder Marek Fis.

Nach vorn schauen die Comedy-Macher mit gutem Gefühl. „Das Bedürfnis der Menschen zu lachen ist unsterblich“, meint Michael Schacke. Zudem habe sich im Stand-up-Comedy-Bereich eine spannende und lebendige, multikulturelle Szene etabliert. „Gute Live-Comedy wird immer ihre Zuschauer finden, denn wir alle lachen gerne“, schätzt Töne Stallmeyer ein. „Ich sehe uns da in einer guten Position, die über die Jahre hinweg erarbeitet wurde und auch gehalten werden kann. Aber das ist auch inhaltlich harte Arbeit und ein Künstler muss alle zwei, drei Jahre ein gutes neues Programm auf die Beine stellen. Das ist uns bisher immer gut gelungen.“

Kai Müller von der O2 Arena Hamburg kann sich künftig auch Comedy-Events in seinem Hause vorstellen. Zudem gebe es „viele neue, junge Akteure, die sicherlich bald den Sprung in die größeren Häuser wagen, wie Luke Mockridge oder Carolin Kebekus.“ Live-Comedy hat seiner Ansicht nach eine „hervorragende Perspektive.“

Platin für Live-DVDs

DVDs zu den Live-Shows der Comedians gehören zu den wichtigsten Merchandise-Artikeln. Laut Bundesverband Musikindustrie war in den vergangenen Jahren am erfolgreichsten Martin Rütters „Hund-Deutsch, Deutsch-Hund“ mit 3fach-Platin in 2013 …

und ebenfalls 3fach-Platin für Sascha Grammels „Hetz mich nicht“ in 2013. Dies hatte ich im Ursprungsartikel leider nicht erwähnt.

… gefolgt von Mario Barths „Männer sind schuld – sagen die Frauen“ mit Doppelplatin 2014 und Michael Mittermeiers „Safari“ mit ebenfalls Doppelplatin in 2013.

…wobei man jetzt hier der Vollständigkeit halber betonen muss, dass Mario Barth für seine Live-DVDs in den Jahren vor 2013 dutzendfach Platinauszeichnungen eingeheimst hat.

Platin gibt es für 50.000 verkaufte DVDs. Alle genannten Titel außer Sascha Grammel sind bei der Spaßgesellschaft/Sony Music erschienen, Flagschiff im Bereich Comedy-DVDs. Comydor nennt Universal Music ihr Comedysegment (Sascha Grammel), auch bei Wort Art erscheinen immer wieder erfolgreiche Titel.

Laut Felix Roth, Director Spassgesellschaft, ist das Interesse an Produkten rund um Comedy-Künstler und dessen Show enorm. Man stille das Verlangen einer riesigen Zielgruppe. DVD-Kooperationspartner ist unter anderem Brainpool TV. Dabei entstehen auch aufwändigere Editionen, etwa zu Cindy aus Marzahns „Nicht jeder Prinz kommt auf nem Pferd“ mit Klappcover und ausgestanzten Figuren. In Sachen Abverkauf dominiere noch das physische Geschäft, allerdings arbeite man an „exklusiven Streaming-Konzepten und Kooperationen mit Pay-TV und Streaming-Services“, so Felix Roth. Doch auch andere Märkte können laut André Piefenbrink aus der Brainpool-Pressestelle relevant sein: etwa Drogerien oder der Buchhandel zu „Ich bin dann mal schlank“ des humorigen Ernährungsspezialisten Patric Heizmann.

Mehr Informationen:

www.grugahalle.de

www.kabarettbundesliga.de

www.kultig-shop.de

www.mts-gmbh.com

www.o2world-hamburg.de

www.s2-management.de

www.undercover.de

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