„Blogs sind extrem nah am Zeitgeschehen“

Musik-Blogger berichten mit viel Leidenschaft und dem Anspruch der Unabhängigkeit über favorisierte Künstler und Musikstile. Gerade wegen dieser Authentizität gehören sie inzwischen zur regelmäßigen Infoquelle vieler Musikfans. Ganz ohne kommerzielle Aspekte geht es aber nicht: einige Blogs lassen sich vermarkten, Advertorials haben sich zu einer verbreiteten Einnahmequelle entwickelt.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 3. Juli 2015.

Über Musik zu sprechen, sich auszutauschen über das, was einem gefällt, daran hatte Marc Ehrich schon zu Schulzeiten auf dem Pausenhof Spaß. Inzwischen macht er das auf seinem Musikblog Testspiel, das seit zehn Jahren besteht, eines der ältesten deutschen Musikblogs ist und mit 165.000 regelmäßigen Nutzern und 13.000 Facebook-Likes zu den größten hierzulande gehört.

Marc Ehrichs Pausenhof-Vergleich bringt ziemlich gut auf den Punkt, für was Blogs und damit auch Musik-Blogs stehen: für ein Informations- und Unterhaltungsmedium, dessen Macher Anhänger einer bestimmten Sache sind, diese authentisch und frei Schnauze rüberbringen und Themen immer auch subjektiv selektieren. Zwar werden auch Musikblogs oft von Journalisten gemacht, folgen damit klaren handwerklichen Regeln und gehören deswegen neben Print- oder Online-Magazinen zum Medienportfolio dazu. Doch schwingt immer auch ein bisschen das Image des Subversiven und Anarchischen mit.

„Wir sind Geschmack gesteuert“

„Wir sind Geschmack gesteuert, wenn wir keinen Bock haben, machen wir es nicht“, definiert Peter Ohnacker, Gründer des seit 2007 bestehenden Musikblogs Blogrebellen, das mit 12.000 Facebook-Likes und sechsstelligen Seitenzugriffen im Monat ebenfalls zu den großen deutschen Musikblogs zählt (siehe Info ganz unten zu den Musikblog-Charts). „Ich sage unseren Autoren immer, dass sie rezensieren können, was sie möchten, aber sie müssen dahinterstehen“, gibt er die Marschrichtung an.

Kramt man einmal im Internet, ist die Anzahl an Blogs schier erdrückend und auch Musikblogs lassen sich nicht derart vollständig erfassen, um etwa verlässliche Größenvergleiche zu ziehen. Viel wichtiger ist sowieso der Einfluss, den ein Blog in seiner Nische hat. „Froh froh“ zum Beispiel konzentriert sich auf elektronische Musik aus Leipzig und damit auf einen zunächst einmal sehr eingeschränkten Radius. Doch vielen Musikfans gilt das Blog als mustergültig, respektable 6.000 Likes auf Facebook sind die Folge.

Oft sind die Grenzen zwischen Online-Musikmagazin und Musikblog aber fließend, was dann immer öfter in einem Blogzine mündet. Doch auch abseits hiervon sind viele Magazin-Seiten inzwischen aufgemacht wie ein Blog, was auch daran liegt, dass immer mehr Webseiten auf der Blog-Technologie von WordPress beruhen. Was macht also ein Blog zum Blog? Für Benjamin Reibert, Macher des Blogs „trnd musik“, das 2013 mit dem Lead Award in der Kategorie „Weblog des Jahres“ ausgezeichnet wurde, muss ein Blog über einen eigenen Domainnamen verfügen. „You tube- oder Facebook-Kanäle sind keine Blogs, denn dann hat man keine Hoheit mehr über seine Inhalte“, definiert er. Was die Inhalte angeht, werden sie in Blogs seiner Ansicht nach emotionaler vermittelt. Marc Ehrich spricht von kuratierter und zieht Parallelen zum Radiosender Byte FM.

Screenshot von www.spit-tv.de

Screenshot von http://www.spit-tv.de

„Blogs geben den Musikfans die Möglichkeit, extrem nah am Zeitgeschehen zu sein“, sagt Felix Ambrosch, Chefredakteur des Rap- und Hip Hop-Blogs Spit-TV. „Videos, Interviews, Gossip und Trends findet der Musikfan zuerst auf Blogs, während alteingesessene Online-Magazine in den meisten Fällen erst die zweite Instanz sind.“ Blogleser bezeichnet er als „Early Adopter“, Leser von Online-Magazinen als „Late Adopter“.

Blogwachstum und Einnahmen

„Je mehr Kategorien eine Seite hat, desto weniger ist sie ein Blog“, definiert Marc Michael Mays eine Unterscheidungsmöglichkeit. Sein Online-Musikmagazin „Pretty in Noise“ hatte er ursprünglich einmal als Blog gestartet, nun aber zu einem Magazin ausgeweitet. „Wir wollten wachsen und haben uns deswegen vom Blog verabschiedet“, sagt er. Inzwischen gehören zur Seite auch ein Shop und Kooperationspartner wie JPC.

Für praktisch jeden Blogger kommt irgendwann einmal der Punkt, an dem er sich fragen muss, wie er mit den kommerziellen Seiten des Bloggens umgehen möchte. Marc Michael Mays sieht deswegen „einen schmalen Grat zwischen Underground und Geld in der Kasse“. Denn sobald ein Blog wächst und entsprechend Zeitaufwand erfordert, stellt sich automatisch die Frage, wie es weitergehen kann, denn fast immer ist Bloggerei zunächst Freizeitbeschäftigung.

Manche Blogger ziehen den Stecker, sobald der Spaßfaktor fehlt. Wie André Habermann, der vor zwei Jahren sein populäres Blog „Rote Raupe“ beendete. Auf seiner Seite erläutert er die Gründe: „Leider wurde aus dem Spaß immer mehr Arbeit und meine Hauptaufgabe bestand nur noch aus Organisation. Das Entdecken blieb auf der Strecke. So auch der Spaß.“ Ähnlich argumentierte auch Fabian Thomas, der zum Jahreswechsel auf 2015 sein „JD´s Rap Blog“ einstellte.

Doch viele Blogger wachsen mit ihren Seiten. Peter Ohnacker zum Beispiel wird ab Herbst Teilzeit arbeiten, um seinen Blogrebellen mehr Zeit widmen zu können. Das bringt mit sich, dass die Bloggerei auch Geld abwerfen muss. Bereits heute kooperiert man mit Unternehmen, deren Beiträge in der Kategorie „Empfehlungen“ als gesponserte Artikel gekennzeichnet werden. Im Bereich Advertorials arbeiten die Blogrebellen mit Content-Marketing-Spezialist Rankseller, der laut Eigenangabe 12.000 Blogs vermarktet. Für Display-Werbung wie etwa Banner kooperieren die Blogrebellen mit Advice, das auch zahlreiche weitere Musik-Blogs vertritt.

Image der Unabhängigkeit

Interessant ist, dass laut übereinstimmenden Angaben vieler Blogger nicht etwa überwiegend Musiklabels mit ihren Produkten auf den Seiten werben oder Interesse an gesponserten Artikeln zeigen, sondern zum Beispiel Lifestyle-Marken wie aktuell Ray Ban. „Für Musik haben wir noch nie Geld bekommen“, sagt Peter Ohnacker. Wie viele andere Blogger auch nimmt sich Benjamin Reibert die Freiheit, Anfragen zu selektieren. „Wir machen Advertorials mit Firmen, deren Thema geeignet ist.“ Marc Ehrich beobachtet, dass Event-Marketing zunimmt, insbesondere für Festivals. Manche Blogs verzichten hingegen ganz auf Advertorials. „Wir möchten unsere Neutralität bewahren“, sagt musikblog.de-Gründer Stephan Masyuta-Hesslich.

Dieses Image der Unabhängigkeit scheint viele Blogs für Musikbegeisterte erst attraktiv zu machen, außerdem die Beständigkeit in der Bespielung der eigenen Nische. „Nischennutzer und Viralgucker“ sind dann laut Peter Ohnacker auch die Hauptnutzer der Blogrebellen. Wichtig sei, den Musikfans zuverlässig guten Content zu liefern, etwa Mixtapes, und den Viralguckern möglichst attraktive, Klicks generierende Videos. „Lumpen sammeln“ nennt Peter Ohnacker die Recherche nach Filmchen zur Steigerung der Reichweite. „Kontinuität in der Aktualität“ ist für Felix Ambrosch eine der wichtigsten Blogger-Tugenden.

Besonders wichtig ist vielen Bloggern dabei der Blick auf Musik abseits des Mainstreams. „Wir rezensieren alle Veröffentlichungen der Indies, auch von unbekannteren Bands, und füllen hiermit eine Lücke“, sagt Stephan Masyuta-Hesslich. Auch die Blogrebellen arbeiten mit kleineren Labels zusammen, Benjamin Reibert von „trnd musik“ stellt Neuigkeiten im Format „Sound der Woche“ vor. Blogs übernehmen so die Rolle des Nachwuchs-Förderers, Acts wie Klangkarussell oder Wankelmut habe er bereits sehr früh gespielt, sagt Benjamin Reibert. Gerade aber diese Fokussierung auf noch eher unbekannte Acts erhöhe die Konkurrenz der Blogs untereinander.

„User wollen Content“

Den schier undurchdringlichen Dschungel an Musikblogs machen sich inzwischen mehrere Tools zunutze. Shuffler.FM sortiert Treffer aus Musikblogs und weiteren Musikseiten in verschiedene Radio-Kanäle. Die „Hype Machine“-App von Spotify ordnet Musik aus einigen internationalen Musikblogs in Playlisten. Auch Labels nutzen Blogs fleißig. Universal Music betreibt unter bckstge.de einen offiziellen „Backstage-Blog“. Gezeigt werden Videos der Künstler, zudem gibt es Verlosungen. Das Label Fachwerk Records ging kürzlich mit dem britischen Musikblog Boiler Room eine Kooperation ein. Eine DJ-Set-Party der Berliner wurde live über den Boiler Room übertragen.

Nach Einschätzung von Felix Ambrosch sind Blogs für Labels oder Managements ein wichtiger Kanal, „weil die User gezielt Content wollen“. Seitdem allerdings Künstler via Facebook, Twitter oder Instagram eigene Profile haben, sei die Wertschätzung von Blogs leicht zurückgegangen. „In meinen Augen ist das eine negative Entwicklung, da man so die Möglichkeit, Stimmungen noch vor Releasephasen einzufangen und das Produkt weiterzuentwickeln, nicht wahrnimmt.“

Zwar seien Like- und Abonnentenzahlen in sozialen Medien enorm, allerdings bediene man auf diese Weise User, die sich bereits mit dem Künstler auseinandersetzen. Neue Fans gewinne man so nicht.  Felix Ambrosch: „Auch den Kommentarbereich auf lediglich einer aktuell stark etablierten Plattform regelmäßig zu verfolgen ist einseitig. In Blogs und deren Diversität steckt viel Potenzial für die Promotion, für die Entwicklung von Strategien bis hin zum Signing neuer, interessanter Künstler.“

Musikblog-Charts

Offizielle deutsche Musikblog-Charts gibt es nicht. Bis Januar 2014 veröffentlichte deutscheblogcharts.de immerhin ein umfassendes, monatliches Top 100-Ranking. Betrieben wurde die Seite von 10000flies.de, das sich auf Social Media-Charts spezialisiert hat. Regelmäßige deutsche Blogcharts werden aktuell von den Blogrebellen veröffentlicht. Als Grundlage für die Zahlen und Werte nutzt das Blog den Webservice Similar Web, auch wenn es sich zugleich etwas von den Datenerhebungsmethoden des Anbieters distanziert. Doch lägen die Reichweitenzahlen von Similar Web nah an den eigenen, über Google Analytics erfassten Page Impressions.

Laut dem Similar Web Ranking ist das IT-Blog stadt-bremerhaven.de im April 2015 mit 1,8 Millionen Visits Deutschlands Nummer-1-Blog. Gefolgt vom Postillion mit 1,6 Millionen Visits auf Rang 2 und der Seite rap.de mit 860.000 Visits auf Platz 3. Mit Kraftfuttermischwerk und „Dressed like Machines“ finden sich auch Musik-, beziehungsweise Lifestyle-Blogs in den Top 10. Das Musikblog blogrebellen.de steht mit 220.000 Visits auf Rang 13.

Social Media-Analyst Cision veröffentlicht regelmäßig die Top 10 der Musik-Blogs aus unterschiedlichen Ländern, zuletzt im Juni aus Großbritannien. Top-Blog ist dort demnach das auf elektronische Musik spezialisierte Boiler Room, gefolgt von „Alter the Press“ und Earmilk. Das letzte Ranking deutscher Musikblogs datiert auf 2012, ein neues Ranking ist im Verlauf dieses Jahres vorgesehen.

Mehr Informationen:

www.boilerroom.tv

www.blogrebellen.de

www.musikblog.de

www.spit-tv.de

www.testspiel.de

www.trndmusik.com

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2 Antworten zu “„Blogs sind extrem nah am Zeitgeschehen“

  1. Pingback: Download: WeDidIt Collective – Cruel Intentions | Das Kraftfuttermischwerk·

    • Hi Ronny, danke dir. Ich habe auch schon gelesen, dass manche monieren, dass nicht alle Musikblogs im Artikel erwähnt sind. Aber das ist nunmal die Aufgabe eines Journalisten: eine Auswahl treffen und einordnen. Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass alle anderen Blogs irrelevant sind. Dein Kraftfuttermischwerk ist in jedem Fall auch eine Erwähnung wert.

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