„DJs und Produzenten müssen sich beweisen“

Beim ersten Electronic Music Day an der Popakademie Mannheim geht es um Trends und Perspektiven elektronischer Musik. Die Diskussionen drehten sich um etablierte Rivalitäten: Analog versus digital, Underground versus EDM.

Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 15. Januar 2016.

„Was hat Laptop aufklappen eigentlich mit Auflegen zu tun?“, fragt Popakademie-Dozent Marcus S. Kleiner in die Runde. Mit dieser kleinen Provokation bringt er das Panel zum Thema „Analog vs. Digital“ in Fahrt, eine von zwei Diskussionsrunden beim ersten „Electronic Music Day“ in der Popakademie Mannheim. Die Konferenz über elektronische Musik veranstaltete die Popakademie in Kooperation mit Cosmopop und Friends of Pop e.V. Tagsüber gab es zusätzlich kostenlose Workshops in der Popakademie und im Musikpark Mannheim zu Produkten der Firmen Native Instruments, Steinberg, Ableton und Schneidersladen. Im Mannheimer Club „Das Zimmer“ folgte abends eine weitere Diskussionsrunde zum Thema „EDM vs. Underground“. Gut 300 Besucher nahmen das Angebot wahr.

„Ich werde erschossen mit Downloads“

DJ Hildegard griff Marcus S. Kleiners Steilvorlage auf und argumentierte für das Auflegen mit Vinyl. „Mich nervt der Synchrobutton, er lässt Fehler zu. Viele DJs schauen nur noch auf die Linie vor sich und hören gar nicht mehr richtig in.“ Als weiteren negativen Effekt des Digitalen bemerkt sie eine Flut an Bemusterungen. „Ich werde erschossen mit Downloads, das Problem dabei ist, dass von hundert Künstlern vielleicht zwei hängen bleiben.“ Viele Titel kann sie inzwischen nicht mehr namentlich zuordnen und behilft sich mit Zeichenkombinationen statt Dateinamen, um ihre Favoriten zu markieren.

Talkrunde zum Thema "Analog versus Digital" in der Popakademie. Foto: Simon Colin

Talkrunde zum Thema „Analog versus Digital“ in der Popakademie. Foto: Simon Colin

„Warum sollte man die Technik nicht nutzen, am Ende entscheidet, dass die Musik stimmt“, argumentierte hingegen DJ Boris Brejcha. Er selbst arbeitet mit USB-Sticks statt Vinyl. „Wenn man Vinyl nutzt, müssen die Übergänge dann auch sauber sein“, forderte Tobias Breier vom Label Blank. Einig war sich die Runde darin, dass der noch in den 90ern spürbare Kampf zwischen analog und digital sanfter geworden ist. „Beim Mixing oder der Soundauswahl macht es immer die Mischung aus analog und digital“, bilanzierte Henne Müller von der Band Abby.

Ist Klangqualität noch wichtig?

Popakademie-Prof Heiko Wandler fiel auf, dass in der Diskussion die Frage der Klangqualität zu kurz komme. Ausgerechnet die Lautsprecher seien oft das schwächste Glied in der Kette und in vielen Clubs nicht gut. Boris Brejcha ließ sich sogar zu der Frage hinreißen, ob man sich in Zeiten von Spotify überhaupt noch Gedanken um die Qualität machen müsse. Henne Müller sah hingegen wachsende Herausforderungen für DJs und Produzenten. „Wir müssen uns beweisen, denn viele Laien bekommen inzwischen immer bessere Ergebnisse hin.“

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DJ Virtual Riot beim Technik-Workshop in der Popakademie. Foto: Simon Colin

Die Popakademie forciert seit gut zweieinhalb Jahren den Bereich elektronische Musik, wie Udo Dahmen sagt, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter. Allerdings seien Produzenten und DJs bereits von Beginn an Bestandteil der Popakademie gewesen. „Die elektronische Musik ist derzeit der innovativste Bereich in der Popmusik. Von dort kommen viele Impulse. Mit Virtual Riot und Jewelz & Sparks haben wir an der Popakademie spannende und international sehr erfolgreiche Vertreter aus diesem Spektrum.“

Vereinheitlichung durch EDM

Valentin Brunn (Virtual Riot) und Gregor Brechmann von Jewelz & Sparks waren dann auch auf dem Podium zum Thema „EDM vs. Underground“ bei der Electronic Music Night im Zimmer Mannheim. Undergroundler würden ein Coolness-Image kreieren, weil sie kaum Anhängerschaft hätten, stichelte EDMler Gregor Brechmann. Zudem sei auffällig, dass Tracks automatisch als EDM bezeichnet würden, sobald sie im Radio laufen. Einig war sich die Runde darin, dass eine klare EDM-Zuordnung elektronischer Musik schwierig ist. Aus den Vereinigten Staaten kommend, stünde dahinter ein anderes Grundverständnis als bei der von Techno geprägten elektronischen Musik Europas.

Sunshine live-Chef Ulrich Hürter sieht hingegen eine Vereinheitlichung elektronischer Musik durch EDM. „EDM ist sehr gut vermarktet“, erklärt sich DJ und Popakademie-Dozent Arno Müller den großen kommerziellen Erfolg. Allerdings könnte die Blase auch platzen. Ein Risiko für die elektronische Musik sei dies laut Ulrich Hürter allerdings nicht. „Sie ist so konstant und etabliert, da wird nichts passieren.“

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