„Radiosender müssten mutiger und risikofreudiger werden“

Von welchen Einflussfaktoren lassen sich Radioredakteure bei der Zusammenstellung des Programms leiten? Das weiß Prof. Holger Schramm von der Universität Würzburg, einer der führenden Forscher zu Musikformaten im Radio.

Das Interview führte Simon Colin, erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt im März 2016.

Sie haben zuletzt 2012 Radiomacher gefragt, auf welche Quellen sie zurückgreifen bei der Zusammenstellung des Programms und der Zusammenstellung der Musik für Hörertests. Zu welchen zentralen Ergebnissen kamen Sie?

Holger Schramm: Für die Zusammenstellung des Programms wurde im Mittel, also über alle Sender hinweg, die Musikmarktforschung am wichtigsten erachtet. Bei den Mainstreamformaten CHR und AC sind dies vor allem wöchentliche Call-Outs/Telefonumfragen, die die Titel aus den hohen Rotationsstufen vor dem Totspielen bewahren sollen und die im Kern Bekanntheit und Beliebtheit von Titeln abtesten. Knapp danach rangiert die Einschätzung der Musikredaktion, bei öffentlich-rechtlichen Sendern liegt die Musikredaktion knapp vorn. Airplay-Charts folgen mit einigem Abstand auf Platz 3, die Playlist von Konkurrenzsendern auf Platz 4, die Single-Charts auf Platz 5. Immer wichtiger, gerade für Privatsender, werden die Hörerfeedbacks über sendereigene Onlinekanäle wie Homepage, Social Media und Apps. Eher unwichtig als wichtig scheint die Promotion von Labels. Da die Sender den Einfluss von Labelpromotion jedoch oft runterspielen, würde ich die reale Bedeutung etwas höher, wenn auch nicht überaus hoch, einschätzen. Fatal: Die Einschätzung der Musikredaktion, Airplay-Charts, Playlists von Konkurrenzsendern und die Single-Charts bestimmen als wichtigste Quellen auch die Zusammenstellung der Musik für die Call-Outs – und nur, was in diesen Tests landet, kann später auch im Programm landen.

Radioforscher Prof. Holger Schramm. Foto: Prof. Holger Schramm.

Radioforscher Prof. Holger Schramm. Foto: Prof. Holger Schramm.

Können Sie anhand ihrer Forschungsarbeiten auch einschätzen, inwiefern sich eine Unterrepräsentanz der Musik von Indie-Labels im Formatradio erklären lässt?

Holger Schramm: Ja, das lässt sich sehr plausibel erklären. Im Formatradio, und hier sind reichweitenstarke AC-, CHR- und zunehmend auch Schlager-Formate marktrelevant, wird aufgrund der Bedeutung und Ausrichtung der Musiktests am Ende das gespielt, was breite Zielgruppen kennen und mögen. Das sind die Titel, die auch in den Charts weit oben platziert sind oder waren und die sich somit im großen Stile, beziehungsweise im Mainstream, verkaufen. Genau in diesen Segmenten sind die Indie-Labels schon immer unterrepräsentiert gewesen, weil sie in der Regel weniger am Mainstream orientiert sind und sich über spezifische Musikgenres bis hin zu Musiknischen definieren. Die im Vergleich zu den Majors geringeren Promotion-Etats, geringeren Medienpräsenzen und geringeren Netzwerkeffekte tun ihr übriges.

Wie könnte es Labels und Radiosendern gelingen, die musikalische Vielfalt im Radio zu erhöhen?

Holger Schramm: Radiosender müssten anfangen, mutiger und risikofreudiger zu werden und sich ein Stück weit von der etablierten Musikmarktforschung zu lösen. Wenn alle das Gleiche spielen und damit verwechselbar und austauschbar werden, kann man in heutigen Zeiten meines Erachtens mit Profilierung auch im Mainstream punkten. Indie-Labels könnten auf diesen Zug aufspringen und bei der Profilierung von Radioprogrammen das nötige Salz in der Suppe beisteuern. Ansonsten bleibt den Indies zurzeit nur übrig, ihre Promotionaktivitäten auf Radiosender jenseits des Mainstreams zu konzentrieren und beispielsweise auf profilierte alternative Sender zu setzen, die in Ballungsräumen, wie den deutschen Metropolen, noch genügend Reichweite in ihrem spezifischen Zielgruppensegment einsammeln können, um rentabel zu sein.

Mehr Informationen:

http://mwk.uni-wuerzburg.de/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s