Vielfalt verzweifelt gesucht?

Schon lange kritisiert der VUT, dass im Radio zu wenig Musik von Indie-Labels gespielt wird. Die großen Sender dementieren entweder oder begründen ihre Mainstream-Orientierung mit der Fokussierung auf ein möglichst großes Publikum. Eine Lösung scheint nicht in Sicht.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt im März 2016.

Nur drei Songs der Top 100 Airplay-Charts 2014 stammten von Indie-Labels. Vor gut einem Jahr nahm dies der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) zum Anlass für Kritik insbesondere an den öffentlich-rechtlichen Radiosendern. Wegen der mangelnden Vielfalt und der fehlenden Abbildung von Nachwuchskünstlern und neuer Musik sieht der VUT den Kultur- und Bildungsauftrag der Sender nicht erfüllt.

Seitdem hat sich nicht viel getan, wie VUT-Geschäftsführer Jörg Heidemann sagt. Zwar hätten die öffentlich-rechtlichen Sender die Kritik an der ungenügenden Vielfalt zurückgewiesen, aber keine gegenteiligen Belege gebracht. „Wir haben die Sender um Auswertungen gebeten, doch diese kamen nicht“, so Jörg Heidemann.

„Keine Musik, die dem Programm schadet“

NDR2-Programmchef Torsten Engel berichtet von einem Drittel Neuheiten auf seinem Sender. „Das ist viel für eine Popwelle“, sagt er. Er verweist auf die Sendung Soundcheck, die mittwochs und donnerstags zwischen 21 Uhr und Mitternacht neue Musik vorstellt. „Von dort aus springen Titel auch immer mal wieder ins Tagesprogramm.“ Zudem schaue die Musikredaktion nicht, auf welchem Label ein Titel erschienen sei, sondern ob er zu NDR 2 passe. „Aus diesem Grund kann ich die Kritik des VUT, dass kleine Labels benachteiligt werden, schwer nachvollziehen.“ Allerdings sei es so, dass von vielen Indie-Labels eher spezielle Musik käme, „wir richten uns aber an ein breites Publikum.“

"Music stations always play the same song". Sang zumindest Madonna 2003 in "Hollywood". Foto: Marco Zaremba/pixelio.de

„Music stations always play the same song“. Sang zumindest Madonna 2003 in „Hollywood“. Foto: Marco Zaremba/pixelio.de

Ähnlich argumentiert Roel Oosthout, Programmchef des Privatsenders Hit Radio FFH aus Hessen. „Wir richten uns an ein großes Publikum zwischen 14 und 49 Jahren und setzen daher auf Mainstream-Pop, dabei spielt das Label aber keine Rolle“, sagt er. Mainstream-Pop komme aber eher von den Major-Labels als von den Indie-Labels. Auf fünf Prozent beziffert er den Musikanteil von Indie-Labels im Programm von Hit Radio FFH.

Die Fixierung auf Mainstream-Pop hat auch zur Folge, dass Titel nicht ins Programm kommen, die bei der Musikredaktion zwar gut ankommen, nach deren Einschätzung aber nicht bei einem breiten Publikum. „Ich würde niemals Musik spielen, die meinem Programm schadet“, betont Roel Oosthout. „Musik bestimmt den Erfolg eines Senders mit.“ Deutlich wehrt er sich gegen Vorwürfe, dass Plattenfirmen durch gezielte Anreize Einfluss auf das Programm nehmen könnten. „Wie auch die Inhalte wird unsere Musik redaktionell zusammengestellt. Keine Plattenfirma könnte es kompensieren, wenn durch die falsche Musik die Quote sinkt, die ja an die Werbeeinnahmen gekoppelt ist.“

Formatvorgabe bestimmt Musikmix

Zwanzig Titel sind regelmäßig neu im Programm von Hit Radio FFH und werden dann sechs bis acht Wochen intensiv gespielt. Gute Indizien für aussichtsreiche Titel sind laut Roel Oosthout neben der Einschätzung der Musikredaktion Streamingzahlen sowie die Beliebtheit bei Shazam oder You tube. Wie bei den meisten Radiosendern auch spielt zudem die Marktforschung eine gewichtige Rolle.

Mainstreamradio gleich Null-Vielfalt? Darüber besteht Uneinigkeit. Foto: Rudolpho Duba/pixelio.de

Mainstreamradio gleich Null-Vielfalt? Darüber besteht Uneinigkeit. Foto: Rudolpho Duba/pixelio.de

„Radiosender definieren sehr genau, welche Zielgruppe sie mit welchem Musikformat adressieren wollen“, ordnet Holger Schramm von der Universität Würzburg ein, einer der führenden Forscher zu Musikformaten im Radio (siehe Interview einen Beitrag weiter oben von der Startseite aus). „Die Musikredakteure stellen einen Musikmix zusammen, der diese Formatvorgabe einlöst und bei der Zielgruppe auf eine größtmögliche Akzeptanz stößt. Diese Akzeptanz wird durch Musikmarktforschung abgesichert.“

Bei den Mainstream-Formaten CHR und AC geschehe dies vor allem durch wöchentliche Telefonumfragen, die die Titel aus den hohen Rotationsstufen vor dem Totspielen bewahren sollen und die im Kern Bekanntheit und Beliebtheit von Titeln abtesten. „Hohe Akzeptanzwerte, so die Logik, sorgen wiederum für hohe Reichweiten, auf die insbesondere die Privatsender angewiesen sind, um rentable Werbeerlöse zu erzielen. Dass bei diesem Mechanismus kein unverwechselbarer Mix mit großen Überraschungseffekten rauskommen kann, liegt auf der Hand und wird von vielen Musikredakteuren auch bedauert“, so Holger Schramm.

Verdrängungswettbewerb unter Radiosendern

Torsten Engel sagt, dass insbesondere die Erfahrung der Musikredakteure die Musikauswahl bestimmt. „Wir sind nicht nur Research-getrieben.“ FM 4, das Jugendradio des ORF, verzichtet sogar auf Tests, um herauszufinden, welche Titel bei den Hörern ankommen, bevor sie ins Programm genommen werden. „Mit Marktforschung kann man zudem gut abtesten, ob ein Titel totgespielt ist, wir haben solche Titel aber nicht im Programm“, sagt FM 4-Chefin Monika Eigensperger. Die Rotation der Musiktitel sei ganz bewusst nicht so eng, darüber hinaus sei jeder vierte gespielte Song von einem österreichischen Interpreten. „Fast alle diese Künstler erscheinen auf Indie-Labels, die uns inzwischen als Chance für Airplay sehen“, so Monika Eigensperger.

Killed Radio the Vielfalt? Foto: Tim Reckmann/pixelio.de

Killed Radio the Vielfalt? Foto: Tim Reckmann/pixelio.de

Die Fixierung auf Top 40-Titel sieht sie kritisch, „es gibt deswegen einen Verdrängungswettbewerb unter vielen Sendern.“ FM 4 profitiert allerdings auch von einem speziellen Publikum. „Unsere Hörer beschäftigen sich sehr mit Musik, sie hören nicht nebenbei eine Klangtapete“, sagt die FM 4-Chefin. Ähnliches trifft auf Radio Fritz vom RBB im eher szeneorientierten Berlin zu, das von VUT-Geschäftsführer Jörg Heidemann als weiteres Beispiel für Sender genannt wird, die mehr Vielfalt bieten. „Nicht so starke Musikbeschäftiger“ sind laut Roel Oosthout hingegen die Hörer von Hit Radio FFH.

„Radiosender laufen Gefahr, Hörer ins Streaming zu jagen“

Wo beißt sich beim Thema Radio-Vielfalt nun also die Katze in den Schwanz? Die großen Mainstream-Radios spielen gut verträglichen Pop und beziehen sich hierbei auf Musiktests, die dies zu bestätigen scheinen. Monika Eigensperger beobachtet, dass zusätzlich hierzu gerade große Labels schauen, wie sie viel Airplay bekommen. „Sie gehen also mit ihren Produktionen eher auf Nummer sicher.“ Diesen Kreislauf zu durchbrechen scheint schwierig, nicht nur in Deutschland. Die britische Plattform Music Business Worldwide berichtet von einer Radio-Monitor-Erhebung, laut der lediglich drei der hundert meistgespielten Radiosongs 2015 in England von Indie-Labels stammen. Für Deutschland werden sieben Titel gezählt, für Frankreich immerhin achtzehn.

Dem steht in Deutschland laut Jörg Heidemann ein 30-Prozent-Anteil der Indie-Labels am Tonträgermarkt gegenüber. „Schaut man zum Beispiel auf das Streaming, liegt der Anteil der Musik von Indie-Labels noch höher.“ Die hohe Diskrepanz zum Airplay-Anteil ist für den VUT-Geschäftsführer deswegen unverständlich. „In letzter Konsequenz laufen die Radiosender Gefahr, ihre Hörer ins Streaming zu jagen.“

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