Digitale Ideen für Labels und Künstler

Beim siebten Future Music Camp in der Mannheimer Popakademie geht es um Themen wie den digitalen Umbruch im Musikmarkt, Snapchat als Tool fürs Musikmarketing und eine App, die persönlichen Musikkonsum sichtbar macht.

Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt am 6. Mai 2016.

„Ist es nicht spannend, zu erfahren, was andere Leute gerade hören?“, fragt Jakob Höflich in den proppenvollen Vortragsraum in der Popakademie Bade-Württemberg in Mannheim. Gut 550 Besucher strömten an zwei Tagen zum siebten „Future Music Camp“, um in Vorträgen und Diskussions-Sessions etwas über Trends im Musikgeschäft zu erfahren. Fragensteller Jakob Höflich ist Popakademie-Absolvent und einer der Gründer von Elceedee. Mit ihrer „Groovecat“-App möchten die drei Jungunternehmer nicht weniger erreichen, als „die urbane Kommunikation revolutionieren“. Wenn man künftig Menschen mit Kopfhörer sehe, solle man an Groovecat denken.

Sehen, was andere hören

Die Idee dahinter ist simpel und verlockend, weckt sie doch Neugier und Audio-Voyeurismus. Denn mit Groovecat lässt sich zum Beispiel sehen, welche Musik das Gegenüber in der Bahn gerade hört. Vorausgesetzt natürlich, die Person nutzt ebenfalls Groovecat und hat ihre Berechtigungen entsprechend freigeschaltet. Zwar leitet die Macher durchaus der Gedanke, dass es interessant sein könne, anhand des Musikgeschmacks etwas über Andere zu erfahren, Groovecat soll allerdings keine Datingplattform oder Sammelpool für musikalisch Gleichgesinnte sein, sondern Menschen mit unterschiedlichem Musikgeschmack zusammenbringen.

Die "Groovecat"-Macher beim Future Music Camp in der Popakademie Mannheim. Foto: Simon Colin

Die „Groovecat“-Macher beim Future Music Camp in der Popakademie Mannheim. Foto: Simon Colin

Labels könnten die App als Verkaufskanal nutzen, da auch Buttons zu Musikportalen vorgesehen sind, zudem lasse sich erheben, in welchen Regionen welche Musik gerade besonders beliebt ist, um so etwa Promotionaktionen zu planen. Noch in diesem Jahr möchten die Jungunternehmer Kontakt zu Labels und Streamingdiensten aufnehmen, die Betaversion der App ist im App Store erhältlich.

Wie Labels Snapchat nutzen können

Jonathan Kloß, Manager Online-Strategies bei Starwatch Entertainment, ist sich sicher, dass Snapchat in diesem Jahr in Deutschland seinen breiten Durchbruch  schafft. Global gesehen verzeichne Snapchat aktuell acht Milliarden tägliche Video-Views, genauso viele wie das viel größere Facebook. Auch die Funktionalitäten sind erweitert worden. So bleiben die so genannten Stories 24 Stunden statt nur zehn Sekunden erhalten. Zudem befinden sich Kanäle für „Content Creators“ im Aufbau.

Für Labels und Künstler sieht Jonathan Kloß viele Möglichkeiten, von Snapchat zu profitieren. Man könne Einblicke in die Labelarbeit geben, Interviews mit Künstlern zeigen, Links zu exklusiven Remixes setzen oder auch Autogrammstunden anbieten, in denen der Künstler auf Selfies digital unterschreibt. Wichtig seien Kreativität, Unverstelltheit und Spontaneität, vorproduzierte Inhalte seien hingegen tabu.

Voll auf die Community setzt Christian Behrens, Head of Artist-Management bei Mediacraft Networks, deren aktuelle Topstars die Lochis sind. Seine These: „Für Promotion braucht man die etablierten Medien nicht mehr.“ Vielmehr müsse man die eigene Social Media-Community in den Mittelpunkt stellen und habe die Kanäle somit selbst in der Hand. Wichtig sei, die eigenen Kanäle nicht zu überfrachten. Deshalb müssten sich zum Beispiel Booker mit ihren Marketingwünschen der Mediacraft-Strategie anpassen und würden inzwischen auch auf deren Urteil vertrauen.

Digitaler Burnout?

Vom Musikmarkt im digitalen Umbruch berichtet GfK-Entertainment-Geschäftsführer Mathias Giloth. „The Force Awakens“ witzelt er in Star Wars-Anlehnung über die sich erholende Musikbranche. Streaming sieht er im anhaltenden Wachstum, auch wenn in Deutschland momentan noch 70 Prozent der Musik physisch sei und in Japan zum Beispiel sogar noch 84 Prozent. 2020 könnte das schon anders aussehen. Seine Prognose für Deutschland: physisch (46 Prozent) und Streaming (45 Prozent) liegen nahezu gleichauf, Downloads bei neun Prozent.

GfK Entertainment-Geschäftsführer Mathias Giloth. Foto: Simon Colin

GfK Entertainment-Geschäftsführer Mathias Giloth. Foto: Simon Colin

70 Prozent der Streaming-Nutzer seien aktuell männlich, die Hälfte unter 29 Jahre jung. Im Vergleich zum durchschnittlichen Musikkäufer gäben sie 26 Euro jährlich mehr aus für Musik als die üblichen 94 Euro. Premium-Streamer seien hoch musikaffin und auf der Suche nach Individualität und Flexibilität. Über Streaming-Portale entdeckten sie auch neue Musik.

In den flankierenden, von Future Camp Teilnehmern durchgeführten Sessions wurde auch kritisch auf die Digitalisierung geblickt bei Themen wie „Verdummung durch digitale Markenexplosion?“, „Like mich am Arsch“ oder „Digitaler Burnout“. Ein Fazit hier: zwar ist jeder selbstverantwortlich, inwieweit er beispielsweise Social Media den Alltag dominieren lässt. Doch gerade bei Künstlern könnte es passieren, dass Labels und auch die Community Druck ausüben, der ein Entfliehen schwer macht. Dass es klappen kann, zeige aktuell Ed Sheeran mit seinem Social Media-Timeout.

Weitere Informationen:

http://www.futuremusiccamp.de

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