Vom Hifi-Altar zum Media-Center

Vernetzte Technologien und Hi-Res-Audioqualität sind die großen Themen in der Audio- und Home-Entertainment-Branche. Die neuesten Trends zeigen die Hersteller auf der High End-Messe vom 5. bis 8. Mai in München.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt.

Im Auto die aktuelle Lieblingsmusik hören, die in den eigenen vier Wänden automatisch weiterläuft und zwar egal, in welchem Raum man sich gerade aufhält. Diese Form des Musikkonsums ist keine Zukunftsmusik mehr. Vernetzte Technologien und Multiroom-Konzepte, die raumübergreifenden und lückenlosen Musikkonsum ermöglichen, sind momentan in der Audio- und Hifi-Home-Entertainment-Branche die Top-Themen.

Vernetzung ist Audio-Wachstumstreiber

Auch aktuelle Zahlen belegen den Trend hin zu vernetzten und teils kabellosen Produkten, etwa der Consumer Electronics Marktindex Deutschland für 2015. Erhoben wurde er vom Bundesverband Technik des Einzelhandels (BVT), der gfu Consumer & Home Electronics GmbH und der GfK. Demnach wuchs der „Home Audio“-Gesamtmarkt 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 7,4 Prozent auf ein Umsatzvolumen von gut 1,09 Milliarden Euro. Wachstumstreiber waren insbesondere so genannte Connected Audio-Home-Systems und Network-Music-System-Komponenten, also Multiroom-Technik. Damit setzten die Hersteller 309 Millionen Euro um, ein Plus von 53,2 Prozent (2014: 202 Millionen Euro). Multiroom-Technik macht also inzwischen etwa ein Drittel des Heimaudio-Segments aus.

Impression von der High End Messe. Foto: High End Society.

Impression von der High End Messe. Foto: High End Society.

Lautsprecher-Boxen legten um 18,9% auf 427 Millionen Euro zu und sind der nach wie vor stärkste Umsatzpfeiler. Extra gerechnet wird in der Studie Audio-Zubehör wie Kopfhörer und Mobilfunk-Headsets (plus 10,8 Prozent auf 396 Millionen Euro) und Docking-Lautsprecher (plus 38,8 Prozent auf 269 Millionen Euro). Spürbare Rückgänge im Segment Home Audio verzeichnen hingegen klassische Einzelkomponenten wie CD-Player, Tuner oder Receiver (minus 16,1 Prozent auf 216 Millionen Euro). Heimkino-Systeme brechen um ein Viertel ein (86 Millionen Euro Umsatz 2015) und die so genannten traditionellen Audio-Home-Systeme verzeichnen einen Umsatzverlust von 38,5 Prozent auf nur noch 51 Millionen Euro. Hierzu zählen insbesondere die klassischen, nicht vernetzten Mini-, Micro- und All-in-one-Anlagen.

Boomsegment Multiroom

Dementsprechend setzen die Hersteller auf integrierte Lösungen. „Es gibt keinen Hifi-Altar mehr wie früher, sondern Mediacenter“, sagt Pioneer-Produktmanager Jürgen Timm. Die Musik spielt dabei nicht mehr standardmäßig von CD, sondern eher über Streamingdienste. „Spotify ist in allen unseren Receivern und netzwerkfähigen Komplettanlagen integriert, weitere Dienste wie Tidal oder Deezer folgen dieses Jahr“, so Jürgen Timm. Über Apps können die Geräte angesteuert werden, Tablets und das Smartphone spielt eine immer wichtigere Rolle. „Das Smartphone ist heute das zentrale Gerät für den Musikkonsum, noch vor PCs, Notebooks und Tablets“, sagt Kai Hillebrandt, Geschäftsführer der Consumer Electronics-Sparte von Samsung. „Entsprechend umfassend ist das Angebot an Audio-Systemen, die den Lieblings-Sound kabellos vom Mobilgerät via Heimnetz oder Bluetooth auf die Lautsprecher bringen.“

Impression von der High End Messe. Foto: High End Society.

Impression von der High End Messe. Foto: High End Society.

Praktisch alle Hersteller haben inzwischen Lösungen für das Boomsegment Multiroom entwickelt. Yamaha, nach eigenen Angaben Marktführer bei AV-Komponenten, nennt sein Multiroom-System „Music-Cast“. Es ist in zahlreichen Produkten integriert, die sich so miteinander vernetzen lassen. Vernetzung, aber auch gute Bedienbarkeit sind laut Michael Geise wichtig, Manager Products AV Europe bei Yamaha. „Wir als Hersteller sorgen dafür, dass der Yamaha-Kunde auch heute schon alle seine Quellen an unseren Geräten betreiben kann.“ Anschlussfähig an die Receiver und Verstärker sind auch Produkte anderer Hersteller.

Dennoch hat die Verschmelzung von Techniken ihrer Grenzen, meint Thomas Kunzler von Music Line, der deutsche Vertrieb der Edelmarken Naim und Focal. „Es gibt einfach zu viele Plattformen, die miteinander konkurrieren, und kaum ein Anbieter deckt alles ab vom Auto über tragbare Systeme und Küchenradios bis hin zu ausgewachsenen Hifi-Anlagen.“

Mehr Portale mit Hi-Res-Audio

Neben Vernetzung ist High Resolution-Klang das zweite Mega-Thema im Bereich Audio- und Hifi-Home-Entertainment. Portale wie Tidal streamen CD-Qualität und kündigen die Einbettung der Master-Quality-Authenticated-Technologie (MQA) an, eine Hi-Res-Audio-Technologie. Trotz höherer Klangqualität soll das Datenvolumen hier nicht höher sein als beim Streaming in CD-Qualität. Pioneer hat MQA in seinen Hi-Res-Audio-Player integriert, der so groß ist wie ein I-Phone 6, doppelt so dick, über Android läuft und auf dem man neben Musik auch Videos konsumieren und Mails checken kann. Online haben sich zahlreiche Portale etabliert, die sich auf High-End-Audio spezialisiert haben, zum Beispiel highresaudio.com, qoduz.com oder hdtracks.de.

Sony hat die Klangqualität bei Lautsprechern und Kopfhörern im Blick. „Hier steigt die Anzahl drahtloser Produkte“, sagt Pressechef Gerrit Gericke. „Die Herausforderung ist, High-Resolution-Audioqualität auch bei drahtloser Übertragung zu gewährleisten. Sony bietet mit LDAC hier bereits eine erste Technologie, die die Soundqualität bei der Wiedergabe über Bluetooth deutlich steigert.“ Vereinfacht gesagt ermöglicht die Technologie laut Hersteller eine dreifach höhere Datenübertragung via Bluetooth als bei anderen Technologien, ohne das die Hi-Res-Qualität herunterkonvertiert wird. Sony setzt bei Kopfhörern, drahtlosen Lautsprechern und Home Audio-Systemen zudem auf den so genannten „Extra Bass“, der tiefe Bässe von Musik herausarbeiten soll.

Die Zukunft bringt immersive Technologien

Auch Händler sehen Vernetzung und Audioqualität als Top-Themen. Mediaplayer mit Streamingfunktion und W-LAN-Lautsprecher, aber auch hochwertige Mini-Anlagen zählen bei Michael Preiss zu den Top-Produkten, Geschäftsführer von „Hifi im Hinterhof“ im hessischen Offenbach. Bei Media Saturn heißt es, dass Kunden wieder mehr Wert auf Qualität legen, so eine Sprecherin des Unternehmens.

Mit Blick auf die Zukunft sieht Jürgen Timm immersive Technologien kommen, also das „Rundum-Eintauchen in Klangwelten durch objektbasierte Tonformate“. Thomas Kunzler sieht es als größte Herausforderung, Menschen wieder für Musikgenuss zu begeistern und dazu zu bringen, sich mit Musik auseinanderzusetzen. „Es wird heutzutage zwar mehr Musik gehört als je zuvor, sie dudelt aber allzu häufig aus Smartphone- oder Computerlautsprechern, das wird schnell belanglos oder gar nervtötend. Musik hört man am Besten live – oder eben mit einer Wiedergabequalität, die das Gefühl einer echten musikalischen Darbietung vermittelt.“

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