Das Aus für den Musikmarkt reißt eine Lücke

Von Simon Colin. Erschienen in der letzten Ausgabe des Branchenmagazins Musikmarkt am 1.7.2016.

Meint man es als freier Journalist ernst und möchte von seiner Arbeit leben, ist man auf Partner angewiesen, mit denen man vertrauensvoll, langfristig und auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Meine Partnerschaft mit dem Musikmarkt hat ziemlich genau neun Jahre angehalten. Sie begann Anfang 2007.

Ich hatte ein Hörbuch-Thema aufgetan und wollte es einem Branchen-Magazin anbieten. Ich stieß auf den Musikmarkt, griff zum Hörer und wurde ohne Umwege direkt mit Chefredakteur Stefan Zarges verbunden. Ich war beeindruckt, wie selbstverständlich es für ihn war, sich mein Thema anzuhören und wie offen er war für das Anliegen einer Person, die er gar nicht kannte. Das ist nicht selbstverständlich.

Foto: Musikmarkt.

Foto: Musikmarkt.

Zwar musste er mir für mein Thema eine Absage erteilen, bat mich aber darum, einmal ein paar Arbeitsproben zu schicken. Dann bekam ich meinen ersten Auftrag und die Aussicht auf eine langfristige Zusammenarbeit, sollte es mit uns funktionieren. Es funktionierte. Unzählige unterschiedliche Themen habe ich seitdem für den Musikmarkt entdecken dürfen in einer ungemein spannenden Branche und gemeinsam mit einem tollen Redaktionsteam. Dafür bin ich sehr dankbar.

Umso fassungsloser und entsetzter war ich, als ich erfuhr, dass der Musikmarkt eingestellt wird. Klar, die vergangenen Jahre waren schwierig. Doch der Musikmarkt hat reagiert. Er hat sich thematisch immer breiter aufgestellt und sich weiterentwickelt. Mutig war der Schritt weg von der wöchentlichen hin zur monatlichen Erscheinungsweise. Dadurch hatte das Magazin gewonnen: insbesondere die gut recherchierten, großen Geschichten über viele Seiten hinweg waren ein Qualitätskennzeichen und ließen den Leser tief in die Thematik eintauchen. Diese thematische Tiefe und Breite war allerdings nicht nur ein Qualitätsmerkmal des Musikmarkt, sondern ganz klar auch ein Alleinstellungsmerkmal. Das wird fehlen, hier bleibt eine Lücke.

Ich kann und mag mir nicht vorstellen, dass dies Labels, Veranstaltern, allen mit der Branche Verbundenen gefallen kann. Denn ihnen bricht mit dem Musikmarkt eine wichtige Plattform weg. Doch auch hinsichtlich der journalistischen Vielfalt ist das Aus für den Musikmarkt bedenklich. Journalistische Vielstimmigkeit ist sinnvoll und nötig, egal in welcher Branche. Deswegen wünsche ich mir, ja ich möchte es sogar gerne erwarten, dass nicht gleich nach den zahlreichen Beileidsbekundungen ein Haken hinter die Sache gesetzt wird.

Natürlich sind solche Wünsche letzten Endes verwegen, denn dies würde in der Konsequenz einmal mehr (verlegerischen) Mut, Risikobereitschaft und dann Durchhaltevermögen erfordern. Aber warum sollten dabei nicht aussichtsreiche Konzepte entstehen, die die Marke Musikmarkt und das, wofür sie steht, erhalten? Oder es entwickeln sich komplett neue Magazin-Ansätze, möglicherweise auch ganz weg von Print. Hauptsache, der journalistisch vielstimmige Branchendialog bleibt erhalten.

Was in jedem Fall erhalten bleibt, sind 57 Jahre, in denen der Musikmarkt das Branchengeschehen maßgeblich begleitet hat. Für mich als freien Journalisten war es unglaublich wertvoll, Teil eines Redaktionsteams zu sein, das nicht nur auf der professionellen Ebene klasse war, sondern auch im partnerschaftlichen Miteinander. Danke hierfür. Dem gesamten Musikmarkt-Team wünsche ich, dass es beruflich nahtlos weitergeht.

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