Die Maxi ist tot – und wer hat sie gekillt?

Ein Kommentar von Simon Colin.

Die Maxi ist am Ende. Schon seit Jahren lässt sich der Verfall mit zwei weinenden Augen beobachten. Ein Artikel im wie immer großartigen neuen Mint-Magazin http://www.mintmag.de zu 40 Jahren Maxi-Single ist nun der Auslöser, meine Beobachtungen einmal in Worte zu fassen. Während die „Chronik einer Hassliebe“ bei Mint-Autor André Bosse im Fokus steht – ein lesbares Erklärstück zu Format und Historie der Maxi-Single – beginnt mein Blick auf die Maxi Ende der 80er.

Da hatte die Vinyl-Maxi schon die Wurzeln gelegt für ein Phänomen, das in den 90ern so richtig Fahrt aufnehmen sollte. Denn während der 80er hatten immer mehr Künstler und Labels, aber auch DJs und Produzenten, die extra langen Versionen von Hitsingles zu schätzen gelernt – künstlerisch und als weitere Umsatzquelle. Doch erst die CD sollte dazu beitragen, dass die Maxi ihr Potenzial voll entfalten kann. Plötzlich war es möglich, bis zu 80 Minuten Remixe einer Hitsingle auf ein Medium zu packen, das dabei nur halb so viel wie ein CD-Album kostet: 10-12 Mark, später dann 6 Euro.

Maxi-CD von Taucher: Infinity-Remixes. Erschienen 1995 bei Sony Music.

Maxi-CD von Taucher: Infinity-Remixes. Erschienen 1995 bei Sony Music.

Die 90er sollten das große Jahrzehnt der Maxi-CD werden, angefeuert durch den CD-Boom, aber auch durch den Hype um DJs, die Stars der 90er. Zunächst im elektronischen Bereich, bald auch im Popsegment tummelten sich mehr und mehr Extended Versions, Remixe und sonstige Langfassungen von namhaften DJs und Produzenten auf den Maxi-CDs. Beispielhaft sei hier die „Inside out“-Remix-CD von Culture Beat aus dem Jahr 1995 genannt: 11 Tracks, mehr als so manche CD, dazu 75 Minuten Laufzeit. Oder aus dem selben Jahr: die Maxi-CD zu Infinity von Taucher, mehr als 60 Minuten Lauftzeit, darunter der 16 Minuten lange Hardfloor-Remix. Vermutlich der längste Remix aller Zeiten.

Die Maxi-CD hatte sich also kommerziell etabliert, aber auch künstlerisch und kulturell. Stand sie doch für das Phänomen, dass sich zeitgenössische Künstler ein Musikstück vornehmen und es auf ihre Weise interpretieren. Das muss man nicht mögen, ich fand und finde es grandios.

Maxi-CD von Culture Beat: Inside Out Remix. Erschienen 1995 bei Sony Music.

Maxi-CD von Culture Beat: Inside Out Remix. Erschienen 1995 bei Sony Music.

Ab etwa 2000 kam dann der Umbruch. Die Umsätze der Musikbranche krachten bekanntermaßen ins Bodenlose und in den Folgejahren ging es auch der Maxi-CD an den Kragen. Die Laufzeiten schrumpften und folglich auch die Anzahl der Mixe. Mehr und mehr setzte sich die 2-Track-CD durch, im Grunde also die CD-Single. Seit etwa 2010 gibt es die Maxi-CD faktisch nicht mehr, die 2-Track-CD ist Standard. Die Laufzeiten schwanken nun  ins andere Extrem, teilweise betragen sie nur noch knapp 5-6 Minuten.

Die Musikbranche muss sich an dieser Stelle einmal fragen lassen, ob sie eigentlich des Wahnsinns ist. In Zeiten der Todesgesänge auf die CD (darunter auch die Autobauer, die zunehmend CD-Player in Neuwagen killen, also jenen Wagen, die wohl noch eher von Älteren und damit CD-Hörern gekauft werden) – setzt sie auf ein physisches Format mit möglichst wenig Spielzeit. Sie macht das in Zeiten des Streamings, in denen man am Liebsten nonstop Musik hört und eben nicht nach 5 Minuten zum CD-Player rennen möchte.

Nur noch 2 Tracks und 6 Minuten Spielzeit. CD-Single von 2013, erschienen bei Interscope.

Nur noch 2 Tracks und 6 Minuten Spielzeit. CD-Single von 2013, erschienen bei Interscope.

Soll die Maxi-CD also sterben? Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, bis Media Markt, Saturn und Co. das klägliche Überbleibsel der Maxi-CD aus den Regalen kicken. Umsatztechnisch ist sie inzwischen absolut unattraktiv. Dabei hätte sie nach wie vor Potenzial, auch wenn viele Langversionen von Songs heute im Internet abrufbar sind. Das Zauberwort wäre Kuration, gerade in der Branche voll angesagt, und die Maxi-CD kann genau das: tolle, handverlesene Versionen eines Songs gebündelt auf ein Medium bringen. Oder man steckt sie als eines der Goodies in die gerade boomenden Super-Deluxe-Special-Fan-Editions.

Möglicherweise ist die CD aber aktuell noch nicht tot genug. Vielleicht erinnert sich in 10-15 Jahren jemand auch an die Maxi-CD, wenn es darum gehen wird, die CD vor dem Ende zu retten. Kleiner Exkurs: auch für die CD gäbe es noch neues Umsatzpotenzial. mp3-CD ist das Zauberwort, die Hörbuchbranche macht´s vor. Gut und gerne 15 Stunden passen auf 2 CDs, die wiederum in eine handelsübliche CD-Hülle passen. Das kommt den schrumpfenden Regalflächen im Handel zugute. Auch in Sachen Umsatz wäre das Format attraktiv: passen doch ganze CD-Kollektionen von Langzeitkünstlern wie Elton John, den Stones oder Madonna darauf. Ensprechend höher könnte der Verkaufspreis sein. Doch Pustekuchen. Nach mp3-Musik-CDs sucht man vergeblich.

Insgesamt betrachtet springt die Musikbranche also ganz klar zu kurz. Wie fatal die Abkehr vom physischen Medium und die fast schon besessene Fixierung auf Streaming ist, zeigt das aktuell scheinbar grassierende Phänomen des Stream-Rippings. Im schlimmsten Fall hat die Branche also überhaupt nichts gewonnen und das zarte Umsatzplus ist wieder dahin. Die Maxi-CD ließe sich auch heute noch attraktiv aufpimpen.

 

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