Nicht von gestern: der Damals-Journalismus

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Dieser journalistische Ausspruch gilt nach wie vor für Nachrichtenmedien, in denen selbst eben noch Vermeldetes von einer Minute auf die nächste bereits veraltet ist. Doch gab es im Journalismus auch immer schon den Hang zu Vergangenem, auf das mit dem Blick von heute geschaut wird: 500 Jahre Reformation, Jubiläen, Todestage. Die Liste ist endlos. Gerade in den vergangenen Jahren scheint Historisches für Medienmacher immer interessanter und relevanter zu werden, da ganz offensichtlich ein großes Interesse der Mediennutzer vorhanden ist.

Inzwischen legendär sind TV-Sendungen wie ZDF History und natürlich die journalistische Von-gestern-Ikone Guido Knopp. Auffällig ist, wie viele Sendungen zu historischen Themen auf Nachrichtensendern laufen. Unfassbar, was sich alles aus Hitler, Nazis und dem 2. Weltkrieg herausholen und gefühlt in Dauerschleife senden lässt. In die seichtere Schiene geht es, wenn sich Privatsender an Historisches machen, dann oft verknüpft mit Prominenten oder Formaten á la „die 100 historischsten Momenten aller Zeiten“.

Keine Frage: der Damals-Journalismus boomt. Viel bewegt sich auch im Segment der Print-Magazine, die sich mit Historischem beschäftigen. Ältestes Format am Markt ist die Zeitschrift „Damals“ aus dem Konradin Verlag, in dem auch Bild der Wissenschaft erscheint. Damals ist seit 1969 am Kiosk und kommt bei einer monatlichen Erscheinungsweise auf eine verkaufte Auflage von gut 21.000 Exemplaren. Das Magazin konzentriert sich jeweils auf ein großes, umfassend aufbereitetes Monatsthema – ein Kennzeichen fast aller Magazine im History-Segment.

P.M. History, Ausgabe 4/2017. Foto: Gruner und Jahr

P.M. History, Ausgabe 4/2017. Foto: Gruner und Jahr

Geo Epoche, Ausgabe 83. Foto: Gruner und Jahr

Geo Epoche, Ausgabe 83. Foto: Gruner und Jahr

Gleich zwei History-Magazine erscheinen bei Gruner und Jahr: P.M. History und Geo Epoche. P.M. History kommt wie auch Damals monatlich neu und ist laut Verlag mit 39.000 verkauften Exemplaren Europas größtes Monatsmagazin für Geschichte. Es erscheint seit 1993 und kostet wie die meisten Hefte in diesem Bereich knapp 6 Euro. Auf 10 Euro bringt es Geo Epoche, das sechsmal jährlich erscheint und mit mehr als 150 Seiten umfangreicher ist als die ansonsten üblichen knapp hundert. Geo Epoche wird auch mit DVD angeboten, dann für 17,50 Euro. Es verkauft sich gut 120.000 mal und ist damit das erfolgreichste History-Magazin am Markt. Kennzeichen der beiden Gruner und Jahr-Titel ist, dass ihnen einerseits ein sehr sachlich wirkender Look gelingt und sich Geo Epoche zudem auch mal an viel Text pro Seite traut, beide Hefte aber sehr magazinig und modern wirken.

Wissen Geschichte, Ausgabe 2/2017. Foto: eMedia Verlag

Wissen Geschichte, Ausgabe 2/2017. Foto: eMedia Verlag

Bedeutend verspielter kommt hingegen Wissen Geschichte daher. Das Magazin ist ganz neu am Markt und erscheint seit Januar 2017 zweimonatlich bei eMedia, das wiederum zu Heise gehört. Die Druckauflage wird mit 35.000 Exemplaren angegeben. Die Macher arbeiten viel mit Zeichnungen und historischen beziehungsweise historisierenden Motiven, was visuell sehr attraktiv wirkt und ein Alleinstellungsmerkmal unter den History-Magazinen ist. Deren Liste lässt sich noch fortsetzen: G Geschichte erscheint seit 1979 bei Bayard Media und ist nach Damals der zweitälteste Titel im Segment. Die monatliche Druckauflage wird mit 50.000 Exemplaren angegeben. Flankierend zum Monatstitel erscheinen immer wieder Sonderhefte, zudem schnürt der Verlag spezielle Themenpakete für Leser aus bisher erschienenen Einzeltiteln.

Auch Zeit und Spiegel veröffentlichen History-Ableger, viermal jährlich kommt Zeit Geschichte, alle zwei Monate Spiegel Geschichte. 55.000 Exemplare verkauft Zeit Geschichte laut Verlag, Spiegel Geschichte gibt nur eine Druckauflage an: 165.000. In das Segment der History-Magazine gehören streng genommen auch jene Titel, die auf Kriegsgeschehen zurückblicken, etwa Militär und Geschichte aus dem Geramond Verlag. Allerdings sind sie thematisch viel enger aufgestellt als die umfassenderen History-Magazine. Ihr Erfolg und die Tatsache, dass sich Verlage sogar an Neuzugänge wagen, zeigt, wie wichtig den Menschen die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit ist. Eine große Chance für Gesellschaft und Bildung in Zeiten, in denen sich politische Sünden zu wiederholen drohen.

Text: Simon Colin

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