Rillen-Tonträger auf der Erfolgs-Spur

Der Vinyl-Markt wächst nach wie vor zweistellig, der Trend zur Schallplatte hält an. Die Presswerke arbeiten entsprechend am oberen Limit und erweitern ihre Kapazitäten. Kritik kommt von Schallplatten-Händlern: zwar profitieren sie vom aktuellen Hoch des Mediums, dem sie seit Jahren die Stange halten. Doch seien die Preise oftmals gefährlich überhöht.

Von Simon Colin. Erschienen im Branchenmagazin Musikmarkt im Juni 2016.

Inzwischen ist man es ja gewohnt, dass bei Media Markt, Saturn oder auch Müller wieder Vinyl in den Regalen steht und als haptisches Medium mit dem größten Zentimeter-Umfang die Blicke auf sich zieht. Obwohl Vinyl also wieder fest zum Tonträger-Mix gehört, gibt es nach wie vor kleine Überraschungsmomente. Im Mai zum Beispiel, als den Rolling Stone eine Udo Lindenberg-Vinyl-Single zierte. Also jene Mini-Vinyls, die noch in den 90ern oftmals mit Loch in der Mitte produziert wurden, in das man mehr oder weniger mühselig einen Adapter fummeln musste und die im Zuge des Vinyl-Sterbens Anfang der 90er als erstes Vinyl-Format vom Markt verschwanden.

Vinyl war nie so richtig weg

Mittlerweile werden natürlich auch längst wieder Vinyl-Singles produziert. Rund um den Globus vermelden die Branchenverbände unisono deutliche Vinyl-Wachstumsraten. In Deutschland wurden laut Bundesverband Musikindustrie im ersten Quartal diesen Jahres 677.000 Schallplatten verkauft, ein Plus von 35,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2,1 Millionen Platten wurden im Gesamtjahr 2015 abgesetzt, der Umsatz stieg um 30,7 Prozent auf 50 Millionen Euro. Vinyl hat damit einen Marktanteil von 3,2 Prozent.

"Der Hobbit"-Vinyl-Produktion bei Optimal-Media. Foto: Der Hörverlag/Uwe Toelle.

„Der Hobbit“-Vinyl-Produktion bei Optimal-Media. Foto: Der Hörverlag/Uwe Toelle.

Für die USA vermeldet die Recording Industry Association of America ein Umsatzplus von 32 Prozent auf 416 Millionen Dollar in 2015. Der höchste Wert seit 1988. Ähnliches in Großbritannien: dort verkauften sich im ersten Quartal 2016 gut 637.000 LPs, ein Plus von 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Gesamtjahr 2016 könnten es 3,5 Millionen Stück sein, so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr. Vinyl hat in Großbritannien aktuell einen Anteil am Albenmarkt von 3,9 Prozent.

Auch die Labels verzeichnen deutliche Wachstumsraten. Universal Music hat in Deutschland seine Umsätze mit Vinyl im Vergleich zum Vorjahr um 75 Prozent gesteigert. „Generell haben Hip Hop und Rock relativ hohe Vinyl-Anteile innerhalb der physischen Formate bei Frontline-Releases“, sagt Holger Wustlich, Senior Director Sales & Marketing bei Universal Music Deutschland. „Zudem werden im Catalogue-Bereich große Umsätze mit Boxen-Projekten erzielt.“

"Der Hobbit"-Vinyl-Produktion bei Optimal-Media. Foto: Der Hörverlag/Uwe Toelle.

„Der Hobbit“-Vinyl-Produktion bei Optimal-Media. Foto: Der Hörverlag/Uwe Toelle.

Natürlich war Vinyl nie so richtig weg, gerade in Deutschland nicht. Viele Plattenläden haben das Format am Leben gehalten und laut Aktiv Musik Marketing (AMM)-Geschäftsführer Marcus-Johannes Heinz auch wesentlich zum aktuellen Vinyl-Boom beigetragen. „Es gibt wenige Entwicklungen auf dem Musikmarkt, über die sich unsere Händler so freuen, wie über den Vinyl-Boom. Auch wenn große Handelsketten und Online-Anbieter inzwischen aufgesprungen sind, ist Vinyl im Plattenladen zuhause.“

„Absurde Preissteigerungen“

Die in einigen Ländern seit mehreren Jahren veranstalteten Record Store Days hatten Vinyl zusätzlich wieder in den Fokus gerückt, AMM organisiert die deutsche Plattenladenwoche. Marcus-Johannes Heinz beobachtet, dass viele Händler ihre Vinyl-Abteilungen neu eingerichtet, wiedereröffnet oder ausgebaut haben. So habe Mr. Music in Bonn eine Erdgeschossfläche ganz dem Vinyl gewidmet und Musik Schallowetz in Velbert beim Umzug in ein größeres Geschäft neue Vinyl-Regale anfertigen lassen. Bongartz in Erlangen veranstalte jeden dritten Mittwoch im Monat einen Vinyl-Wednesday, Discy in Landsberg einen Vinyl Friday am ersten Freitag des Monats. Halfspeed in Krefeld bietet an, alte Platten professionell reinigen zu lassen.

Im Musikmarkt-Gespräch berichtet André Frahm von Michelle Records in Hamburg von einer „exorbitant guten Entwicklung“ in den vergangenen sechs bis sieben Jahren. Vinyl nimmt dort inzwischen einen Umsatz- und Flächenanteil von 60 Prozent ein. „Auch viele junge Leute kommen und lernen den Kulturkosmos Schallplattenladen wieder kennen“, sagt André Frahm. Und doch hat der Boom in der Nische, in der sich Vinyl ja nach wie vor befindet, auch Kehrseiten. Deutlich kritisiert André Frahm „die teils absurden Preissteigerungen“ auf Labelseite. 30 Euro für eine Doppel-LP-Neuheit seien deutlich zu hoch. „Das ist eine Gefahr und das geben wir in Vertriebsgesprächen auch mit auf den Weg.“

Record Store Day bei Rimpo Tonträger in Tübingen. Foto: Rimpo Tonträger.

Record Store Day bei Rimpo Tonträger in Tübingen. Foto: Rimpo Tonträger.

Ähnlich argumentiert Heinz Bross, Geschäftsführer von Rimpo Tonträger in Tübingen. Zwar zahle es sich nun aus, dass man an Vinyl festgehalten habe und man habe auch unter der geringen Anzahl an Veröffentlichungen vor einigen Jahren gelitten. Allerdings seien die Preise inzwischen teilweise überzogen. „Warner Music ist hier ein Negativbeispiel, sie haben ein zu hohes Preisgefüge“, sagt Heinz Bross. „Es ist gefährlich, die aktuelle Situation auszunutzen, man darf nicht überdrehen, sonst zerstört man das zarte Pflänzchen wieder.“

Kritik an überhöhten Preisen übt auch Michael Lohrmann, Geschäftsführer des Visions-Verlags, der neuerdings das Magazin Mint veröffentlicht, das sich an Vinyl-Heavy-Buyer richtet. „Wenn neue LPs zu Preisen über 25 Euro angeboten werden, und das ist ja leider keine Seltenheit, erschwert man den potentiellen Käufern den Einstieg in die Vinyl-Welt. Und das wäre extrem kurzsichtig. Vinyl muss erschwinglich sein und darf nicht zu einem Premium-Produkt für Besserverdiener mutieren.“ Michael Lohrmann befürchtet, dass die Vinyl-Nachfrage dann ein abruptes Ende nehmen könnte. „Damit würde man eine sehr große Chance verspielen, die sich derzeit den Labels bietet – und damit auch der anstehenden Verwertungskette aus Handel, Presswerken und Herstellern von Hifi-Equipment.“

Ist der Künstler ein Vinyl-Künstler?

So verzeichnen auch die Hersteller von Plattenspielern Wachstumsraten. Die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (gfu) vermeldet für Deutschland 80.000 verkaufte Plattenspieler in 2015 und rechnet mit 95.000 Exemplaren im laufenden Jahr. Pro Plattenspieler würden im Schnitt 211 Euro ausgegeben werden, im Vergleich zu 188 Euro im Vorjahr. Trotz gestiegener, aber immer noch recht niedriger Durchschnittspreise, setzen die Hersteller auf Produkte im höheren bis High End-Bereich. Panasonic kündigt für Sommer eine limitierte Edition seiner wiederaufgelegten Technics-Legende SL 1200 an. Sony hat mit dem PS-HX 500 einen relativ neuen Spieler am Markt, der für gut 500 Euro verkauft wird und damit in einem höheren Bereich, aber deutlich unter dem vierstelligen Technics-Preisniveau liegt.

Vinyl-Schnecken bei Rimpo Tonträger in Tübingen. Foto: Rimpo Tonträger.

Vinyl-Schnecken bei Rimpo Tonträger in Tübingen. Foto: Rimpo Tonträger.

Am Limit arbeiten nach wie vor die Presswerke, auch wenn sie ihren Maschinenfuhrpark weiterhin ausbauen und Rund um die Uhr-Schichten fahren. Zum Beispiel Celebrate Records aus Stollberg im Erzgebirge. In den vergangenen Jahren sei die Nachfrage jeweils um 25 Prozent jährlich gestiegen, sagt Geschäftsführer Carsten Haupt. 2003 hatte es das Unternehmen gewagt, ein neues Presswerk zu bauen, anfangs für DJs produziert, inzwischen für Labels mit Fokus Rock, Metal und Punk. 80 Prozent der gepressten Platten sind Neuheiten, 20.000 Stück können pro Tag produziert werden, 2,5 Millionen pro Jahr. Gepresst werden Auflagen von 1.000 bis 100.000 Stück pro Release.

Durch den Zukauf des schwedischen Unternehmens Toolex Alpha habe man sich Wissen rund um Analogtechnik für Pressen gesichert, so Carsten Haupt. Zwei neue Vinylpressen sollen in diesem Jahr in Betrieb genommen werden. Dennoch beträgt die Wartezeit für Labels momentan sechs Wochen. „Ein Sommerloch wird es dieses Jahr nicht geben“, scherzt Carsten Haupt. 70 Prozent der Anfragen kommen aus Europa, der Rest aus USA und Japan. Insgesamt bemerkt er eine Zunahme von Vinyl-Produktionen, die als Fanartikel gedacht sind und auch in eher Vinyl-untypischen Genres wie Schlager. „Für die Labels ist es sicherlich ratsam, zu überlegen, ob der jeweilige Künstler auch wirklich ein Vinyl-Künstler ist“, rät Carsten Haupt angesichts der explodierenden Produktionsanfragen.

Weltweite Nachfrage übersteigt Kapazitäten

Auch Optimal Media berichtet von einer enorm gestiegenen Nachfrage, so Petra Funk, Assistentin der Geschäftsleitung. „Die Branche ist nach wie vor in der Situation, dass die weltweite Nachfrage nach Vinyl die vorhandenen Kapazitäten übersteigt.“ Optimal Media habe in den vergangenen Jahren umfassend investiert und die Kapazitäten in allen Dienstleistungsbereichen für die Vinylproduktion deutlich ausgebaut. Nicht nur Musiklabels produzieren bei Optimal Media, auch Hörbuchverlage wie der Hörverlag. 2013 wurde eine aufwändig ausgestattete Vinyl-Edition der „Hobbit“-Hörspiele veröffentlicht, die sich bei einem Preis von 70 Euro 6.200 mal verkauft hat.

MPO unterhält in Frankreich ein Presswerk, das ebenfalls mehr als voll ausgelastet ist, wie Sandra Fritzsch sagt, Commercial & Administration Director bei MPO. Das Unternehmen hat sich auch auf Verpackungen spezialisiert. „Neben der Herstellung der Vinyl-Cover suchen unsere Kunden gerade für die Aufbereitung der Backkataloge in Form von Sammlereditionen oder limitierten Auflagen ausgefallene Verpackungen“, so Sandra Fritzsch. Hierzu zählten auch aufwändige Veredelungen.

Auch technische Innovationen gibt es im Bereich Vinyl. Zum Beispiel HD Vinyl. Das österreichische Unternehmen Rebeat Digital hat unter diesem Namen ein Verfahren entwickelt, das die konventionelle Pressung von Schallplatten verändern, mehr Spielzeit und einen höheren Frequenzumfang ermöglichen soll. Komplett neue Pressen baut das Unternehmen Newbilt aus Alsdorf in Nordrhein-Westfalen. Mit „modernen Komponenten und Bearbeitungsmethoden“ sorge man laut Kees de Jonge, Director Sales & Marketing, für ein „optimiertes Prozessverfahren.“ Die ersten Serien seien bereits ausverkauft, Nachfragen kämen aus 50 Ländern, die Wartezeit beträgt drei bis vier Monate.

„Vinyl ist keine Modeerscheinung“

Mit Blick auf die kommenden Jahre sehen alle am Vinyl-Geschäft Beteiligten ein konstantes bis leicht steigendes Niveau. Überwiegend positiv sehen die Plattenläden die Perspektiven. André Frahm von Michelle Records lobt, dass Labels speziell für Plattenläden Editionen auflegen, etwa das neue Radiohead-Album mit weißem Vinyl. Clemens Schröer von Oldschool in Berlin wagt sogar wieder Zeitungsanzeigen für Vinyl-Veröffentlichungen und macht starke Umsätze mit den Genres Jazz und Klassik. Fast die Hälfte seiner Ladenfläche nimmt mittlerweile Vinyl ein. Seine Prognose: „Vinyl ist keine Modeerscheinung, das wird anhalten.“

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